Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Blütenlese
- Date
- 1906-03-01
- Page
- 157 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Blutenlese. 157 werden soll. Gehör und Anerkennung finden werden. Montaigne meint, er werde sich nicht für frei halten, wenn er auch nur einen Winkel wüßte, wo er nicht wohnen dürfte. In Deutschland gibt es jür den Juden mehr als einen Winkel, mehr als eine Straße, mehr als eine Stadt, wo er nicht wohnen, nicht atmen darf, und er hält sich dennoch für frei, denn er redet frei und furchtlos wie ein Sohn der Freiheit. Wer sich da von der besseren Natur des Menschen nicht überzeugen will, dem wird diese Ueberzeugung auf einem anderen Wege schwerlich zuteil werden. Aus Rießers Betrachtungen über die badischen Kammer-Verhandlungen. (Seite 164). Wir müßten in der Tat von anderem Stoff als andere Menschen zusammengesetzt sein, wenn wir nicht mit wenigen Ausnahmen, gerade so wie jeder andere, nach der Stellung im Leben für uns und unsere Kinder streben sollten, in welcher ein jeder nach seinen besonderen Verhältnissen am meisten Ehre, Ansehen und Vorteile zu erwerben hoffen darf. Und wenn das alles für uns nur auf dem Wege des Handels, nur durch den Einfluß des Geldes zu hoffen ist, wenn daher die Kräfte der Bemittelteren und Gebildeteren sich vorzugsweise diesem Ziele zuwenden, wenn aus dieser Einseitigkeit eine nachteilige Rückwirkung auf den Geist und aus die Gesinnung der Menge hervorgeht, ist das unsere Schuld? Wenn dem Reichtum und den Verdiensten, die nur er sich erwerben kann, alle Auszeichnnngen und Belohnungen, die er nur wünschen kann, Orden, Erhebungen in den Adelsstand, äußere Ehrerbietung von Vornehmen und Geringen, ohne daß die Religion dabei im Wege stehe, zuteil werden, während jedes andere Verdienst unbelohnt und unberücksichtigt bleibt, während jede geistige Kraft schon an den Schranken, innerhalb derer sie wirken können, zurückgewiesen wird, falls sie der herrschenden Kirche nicht ihren Tribut zollt: wen wollt Ihr da überreden, daß der Staat geistige Bildung höher als Reichtum stelle? Wie wollt ihr das Aufkeimen der Vorstellung, daß in dem Reichtum allein die wahre Ehre und das wahre Verdienst zu suchen sei, unter diesen Umständen in den Gemütern derer verhindern, die leider zu geneigt sind, das Treiben in der außerjüdischen Welt, das ihnen so oft als Ideal vorgehalten wird, auch wirklich für ein ideales zu halten und