Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Blütenlese
- Date
- 1906-03-01
- Page
- 156 (sequence 7)
- Language
- German
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156 Im deutschen Reich. des Täters, wie es seiner Würde geziemt, klar und deutlich hinstelle. Aber eben diese objektive Behandlung, die allein dem genügen kann, der wahrhaft und wirklich nur dem Schlechten und Schädlichen entgegenwirken will, es komme woher es wolle, ist es, der unsere Gegner um jeden Preis auszuweichen suchen, und sie haben sehr gute Gründe dazu. Sie klagen freilich über Betrug und Wucher der Juden mit großer Vorliebe: aber glaubt Ihr etwa, sie brächten Maßregeln in Vorschlag, die dem Betrug und dem Wucher an sich entgegen Zu wirken geeignet wären? Weit gefehlt! Sie wollen nichts, als die alten Ausschließungen der Juden festhalten, die der Wucherer belächelt, während sie den Ehrenmann aufs tiefste verletzen; sie wollen nur eine heilige Frage der Menschenwürde und der Gewissensfreiheit durch die Schmutzmassen, womit sie sie belasten, in den Staub herabziehen, worin sie besser zuhause find: sie wollen nur durch die Unbestimmtheit, in welcher sie die Sache lassen, einen jeden Erwerb der Juden verdächtigen; mögen Betrug und Wucher von Christen und Juden ausgehend, ihr Wesen forttreiben: wenn sie nur mit den Würdigen und Redlichen unter den Juden die Stellungen im bürgerlichen Leben, wozu sie nun gerade die Konkurrenz beschränken möchten, nicht zu teilen brauchen. Aus Rießers Besprechung der Schrift Dr. Cohner's: lieber die Lage der Juden in Hannover. (Seite 157). Wenn man erwägt, wie viele Hindernisse der intellektuellen und scientisischen Ausbildung den deutschen Juden noch vor 50 Jahren im Wege standen, und von wie unzähligen Ketten und Lasten sie heutigen Tages noch erdrückt werden, so grenzt es wahrlich an das Rätselhafte, daß sich Juden unter wissenschaftlicher Verwahrlosung zu guten, ja gediegenen Schriftstellern emporarbeiten konnten, und an das Wunderbare, daß sie den Sinn für Freiheit gerettet haben und mit menschenwürdigem Freimut hervortreten, die langentbehrten Rechte zu reklamieren. Sie nähern sich den Thronen der edlen Fürsten Deutschlands nicht um Gnade, um ein Almosen bettelnd, sondern das fordernd, was ihnen gebührt und nur barbarische Willkür ihnen vorenthalten hat, der Ueberzeugung lebend, daß sie allenthalben, wo man in dem Throne einen nicht blos eitlen und imposanten Ehrenstuhl, sondern eine Höhe erblickt, von welcher herab den unterdrückten Völkern Recht und Freiheit gereicht und zugesichert