Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. 141

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Gabriel Rießer
Date
1906-03-01
Page
141 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316740-2316744-2336372--14852-2336439
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Gabriel Rieß er. 141 Es ist ba§ edle, echte jüdische Selbstbewußtsein, der jüdische Mannesstolz. Die Judenfrage war in den Kammern und Ständeversammlungen in Fluß geraten. Diesen Fluß mit wachsamem Auge, mit kritischem Blick zu begleiten, machte sich Rießer zur Aufgabe in einer „Zeitschrift für Religion und Gewissensfreiheit", wie er sie bezeichnet, und dieser Zeitschrift gibt er den Namen „Der Jude". Das war kein bloßer Titel, das war eine Tat! Man hatte sich auf christlicher Seite bisher daran gewöhnt, allen Haß, alle Niedrigkeit des eigenen Herzens zu konzentrieren in dem einen Wort: Jude. In Hamburg hatte der bekannte Prediger am israelitischen Tempel Gotthold Salomon soeben noch für die „mosaische Konfession" eine Lanze gebrochen, und von jüdischer Seite war man bei der Regierung darum eingekommen, die Bezeichnungen „Jude" und „jüdisch" als Verbalinjurie zu brandmarken. Da erschien Rießer auf dem Kampfplatz, und gerade den verfehmten Namen „Jude" reklamiert er für sich und seine Brüder. Aus dem Schimpfwort machte Rießer einen Ehrentitel. Und wie sausen seine Schwerthiebe auf den Schild seines Gegners nieder! Man wies von feindlicher Seite auf den Wucher der Juden hin, verlangte aber dafür nicht, wie für jeden anderen Wucher, richterliche Bestrafung, sondern politische Unmündigkeit der Gesamtheit oder die Taufe. „Weil jene mit Pfennigen wuchern," so ruft Rießer entrüstet aus, „wuchert Ihr mit Glauben und Ueberzeugung? Weil von Zweien, die derselben Religionspartei angehören, der Eine ein Schelm, der Andere ein Ehrenmann ist, darum bietet Ihr beiden gleiche Rechte dafür, daß sie beide Eure Religion annehmen; eine Handlung, wodurch sicherlich der Schelm nicht zum Ehrenmanne, vielleicht aber der Ehrenmann zum Schelmen geworden." Und er fährt fort: „Der Reichtum des Juden allein erringt jede Auszeichnung, auf welche der Reichtum des Christen nur irgend Anspruch machen könnte; in diesem Gebiete allein herrscht Freiheit und Gleichheit. Wenn alle reichen Juden in Deutschland in einem Augenblicke aufhörten, Juden zu sein, wie ein beträchtlicher Teil schon aufgehört hat, so würden freilich unsere Armen, unsere Bettler sehr darunter leiden, die wir an den meisten Orten aus eigenen Mitteln verpflegen müssen, . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.