Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Rießer
- Date
- 1906-03-01
- Page
- 140 (sequence 12)
- Language
- German
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140 Im deutschen Reich. Und in der Tat, der Eindruck, den er hüben wie drüben, bei Freund wie Feind, hervorrief, war ein unbeschreiblicher, ganz besonders aber unter der jüdischen Jugend, während die älteren unter den Juden von dieser kühnen Sprache das Schlimmste befürchteten. Da war kein Satz, keine Zeile, die nicht alle aus eigener Erfahrung, aus vollstem Herzen unterschrieben hätten. Natürlich schwiegen auch die Gegner nicht. Besonders war es der Kirchenrat Paulus in Heidelberg aus der rationalistischen Schule der evangelischen Theologen, der sich in einer eigenen Schrift gegen die Emanzipation der Juden und gegen ihren Vorkämpfer Rießer wandte. Paulus mochte, wie Roehr, Winer und andere sogenannte aufgeklärte Theologen jener Zeit, den Juden es nicht verzeihen, daß sie sich das Alte Testament von jenen Auslegungskünstlern nicht wegeskamotieren ließen. Noch weit gefährlicher aber war er darum, weil er, wie Rotteck, Welker und Genossen, zu den Liberalen zählte und seine Schrift gerade in dem Zeitpunkt veröffentlichte, da die Juöenfrage in der badischen Kammer zur Debatte stand. In sechs Tagen schreibt nun Rießer 1831 eine Entgegnung, für deren Bedeutung hier statt vieler nur ein Zeugnis angeführt sei, mit dem an Unanfechtbarkeit keines sich messen darf. Eines der giftigsten, judenfeindlichsten und gefährlichsten Bücher, die je geschrieben worden sind, ist Treitschkes „Deutsche Geschichte". Und dieser so verbissene und so unversöhnliche Judenfeind spricht da, wo er jene Zeit behandelt, von Gabriel Rießer mit folgenden Worten: „Unterdessen hatte das deutsche Judentum einen tapferen, beredten Vorkämpfer gefunden an dem Hamburger Juristen Gabriel Rießer, einem edlen, vaterländisch gesinnten Manne, dem seine Freunde nachrühmten, in ihm sei das Recht Gemüt geworden. Die Gleichberechtigung seiner Stamwesgenossen war ihm Herzenssache; seit dem Anfang der 30er Jahre vertrat er sie, oft heftig, aber immer ehrenhaft, in seiner Zeitschrift „Der Jude" und in zahlreichen Flugschriften. Selber ein gemäßigter Liberaler, faßte er mutig den Stier bei den Hörnern und bekämpfte namentlich die badischen Liberalen. Wären alle deutschen Juden wirklich so gesinnt gewesen, wie dieser begeisterte Patriot, dann hätte ihre Gleichberechtigung in unserem weitherzigen Volke keinen Widerstand gefunden." Was einem Treitschke eine solche Anerkennung Rießers abzwingt, muß doch etwas Ungewöhnliches, etwas Seltenes sein.