Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Gabriel Rießer
Date
1906-03-01
Page
139 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316740-2316744-2336372--14850-2336437
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gabriel Rießer. 139 Welcher fühlende Mensch, der im Schoße des mosaischen Glaubens geboren ist, kann sich ohne den tiefsten Schmerz den Zustand vergegenwärtigen, der die Folge davon sein würde, wenn die Gebildeteren, die Talentvolleren, die Einflußreicheren sich losrissen, und die armselige, gedrückte, mutlose Masse sich selbst und dem Staate zur Last Zurückließen. Daß aber, wie sich einige Unkundige träumen lassen, die die heiligsten menschlichen Interessen aus der beschränkten Perspektive ihres Eigennutzes betrachten, die Masse selbst allmählich, des Druckes müde, um es besser zu haben, sich dem herrschenden Glauben hingeben werde, das erscheint gottlob Jedem, der die gemütliche Macht, die dem jüdischen Leben eigen ist, beobachtet hat, als eine absolute Unmöglichkeit. Ich sage gottlob und ich sage es nicht aus irgend einem Vorurteile für meine Religion, sondern ich sage es, weil nach meiner festen innigsten Ueberzeugung ein solches allmähliches Hingeben in Masse nur die Folge einer Liefen, entsetzlichen Demoralisation sein könnte, vor deren Bilde mir schaudert; eines Zustandes sittlicher Verderbtheit, die nicht nur Wahrheit und Glaube und Gottesfurcht, sondern auch in Tausenden von Fällen die heiligsten Gefühle der Pietät, der Dankbarkeit, der Kindesliebe mit Füßen treten und die ganze Masse verödeter, gottverlassener Herzen dem einen allverschlingenden Teufel des Eigennutzes als eine gewaltige Beute überlassen müßte." Und an einer anderen Stelle heißt es: „Ihr lasset Eure Kinder Lausen? Und wie nun, wenn der Priester, in der redlichen Ueberzeugung, daß das die Lehre seiner Kirche ist, eure Kinder lehrt, daß Alle, die nicht an den Heiland glauben, ausgeschlossen sind von der ewigen Gnade Gottes? Wie wenn diese Lehre, entsetzlich für jedes freie Gemüt, das noch nicht verlernt hat, die Menschen zu lieben, vor allem entsetzlich aber für eure Kinder und für die Enkel eurer Eltern, die zarten Gemüter mächtig erschüttert? Es gibt nur eine Taufe, die für Nationalität einwertet: das ist die Taufe des Blutes in dem gemeinsamen Kampf für Freiheit und Vaterland: „Ihr Blut hat sich mit dem unsrigen aus den Schlachtfeldern vermischt," das war das Machtwort, womit man in den französischen Kammern die letzten ohnmächtigen Regungen von Unduldsamkeit und Abneigung zu Boden schlug." So sprach der 24jährige Gabriel Rießer, wie es aus dem Titel seiner Schrift heißt, zu „den Deutschen aller Konfessionen".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.