Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Rießer
- Date
- 1906-03-01
- Page
- 137 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gabriel Rießer. 137 so gewiß das Recht über das Unrecht siegen muß, so gewiß werde auch die Sache der Juden siegen müssen. Vereine sollten die Juden bilden, sich organisieren, um so immer wieder und unermüdlich ihr gutes Recht zu fordern. „Bescheidenheit", sagt Rießer, „dünkt uns erhaben, wenn sie dem Auge des Schwachen die Ueberlegenheit des Starken verhüllt, aber häßlich bis zum Ekel, wenn sie der Uebermacht den feigen Tribut der Untertänigkeit zollt." Das war eine bisher unerhörte Sprache eines deutschen Juden. Bisher .hatte man sich, anstatt gemeinsam um das Recht Zu kämpfen, mit der Erlangung einiger Vorrechte und Konzessionen für den einzelnen Juden begnügt. Das Gemeinwohl äußerte sich mehr in sporadischer Unterstützung ärmerer Genossen, in Gründung von Wohltätigkeits- und Bildungsanstalten, als in dem starken Streben, der allgemeinen gemeinsamen Not zu steuern; die Erlangung der bürgerlichen Rechte galt eben den meisten als frommer Wunsch, als unerreichbares Phantom. Ein ganz anderer Geist, ein neues jüdisches Selbstbewußtsein sprach aus Rießers Worten. „Niemand", so ruft er aus, „hat das Recht, uns der Unfähigkeit und Unwürdigkeit zu beschuldigen, während man selbst uns widerrechtlich verhindert, unsere Fähigkeit und Würdigkeit zu betätigen." Mit der ganzen durchschlagenden Gewalt seiner Beweisführung wendet er sich gegen die perfide, schamlose Politik, die als den Preis der bürgerlichen Rechte den Verrat am Heiligsten, am angestammten Glauben fordert, und ebenso vernichtende Schläge führt er gegen jene Feiglinge, wenn nicht Meineidigen Betrüger, die solchen schändlichen Preis zahlen. Rießer sagt: „Was sich dem lukrativen Uebertritt zum herrschenden Glauben entgegenstellt, was seine Verwerfung durch die Redlichsten unter den Bekennern der herrschenden, wie der unterdrückten Religion bewirkt, ist nicht ein Prinzip des Fanatismus, sondern es ist der einfache, ewig unveränderliche Grundsatz der Wahrheitsliebe und der Redlichkeit, daß die Lippen nicht das bekennen sollen, was dem Herzen fremd ist. Es ist demnach nicht mehr ein Kampf zwischen Glauben und Glauben, sondern zwischen Wahrheit und Trug, zwischen Redlichkeit und Falschheit, um den es sich handelt; es ist die Frage, ob der Staat länger aus die Lüge einen Preis setzen, ob er einen Zustand der Dinge soll gewähren lassen, der der öffentlichen