Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 114 (sequence 3)
- Language
- German
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114 Im deutschen Reich. verhehlte er, daß sein Uebertritt nur ein äußerlicher gewesen sei, daß er innerlich Jude bleibe und das was er sich gelobt habe. Halten werde, nämlich denen, die damals noch von den Juden Leibzoll verlangten, auch einen Paß zu schreiben, der sie für alle Zeiten kenntlich machen solle. Und doch liebte er sein deutsches Vaterland, das er meiden mußte, um frei zu bleiben, so tief, daß selbst sein Gegner Wolfgang Menzel erklärte, Börnes angeblicher Haß gegen Deutschland sei nichts anders als eine Krankheit aus zurückgetretener Liebe zum Vaterlande. Aehnlich verhielt es sich mit den Spöttereien des genialen Heinrich Heine, der nicht den polnischen Ernst Börnes besaß,- aber aus der Nibelungensage die Gemütstiefe deutscher Dichtung schöpfte und gerade deshalb dem undeutschen Chauvinismus abhold blieb und die ungesunde Romantik verhöhnte. Heine und Börne waren entzweit, aber beide haben aus ihre Zeit tief eingewirkt, den kommenden Völkersrühling vorgeahnt und mit vorbereitet. Nach der Juli-Revolution kam ein neuer politischer Rücksck-lag, und es war eine jener bitteren Ironien, die sich nicht selten in der Weltgeschichte bekunden, daß ein getaufter Jude, Friedrich Schlesinger-Stahl, als Staatsrechtslehrer in sormenschöner Sprache für das mittelalterliche Gottesgnadentum und 'die christliche Weltanschauung Thesen lieferte, die noch heute das Alpha und Omega des konservativen politischen Bekenntnisses bilden. Noch heute entblödet sich die konservative Partei, die sonst aus die Rasse das Hauptgewicht legt, nicht, mit dem Geisteskapital eines ehemaligen Juden zu wuchern. Aber zeitweise brach sich doch wieder der Freiheitsdrang in Deutschand Bahn, und ein nichtgetaufter Jude war es, Johann Jacobp, der durch die „vier Fragen eines Ostpreußen" einen knappen aber wirkungsvollen Ausdruck den Empfindungen lieh, die im Herzen des preußischen Volkes lebten, als diesem die von Friedrich Wilhelm III. versprochene freie Verfassung vorenthalten wurde. Die Flugschrift eines andern Juden, Heinrich Simon in Breslau, „Ablehnen oder Annehmen" entsprach in ähnlicher Weise dem Volksgedanken, erregte aber den größten Unwillen des Königs. Die Tinge schritten unaufhaltsam vorwärts und zeigten, daß die deutschen Juden ihre Freiheit nur gleichzeitig mit der Freiheit des gesamten deutschen Volkes erlangen konnten. Im deutschen Völkerfrühling erblühte auch ihr eigener Lenz, und nun schwand aus ihrer Mitte die Sprache des verhaltenen Grimmes,