Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 113 (sequence 2)
- Language
- German
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Verernsnachrichten 113 gefüllt erschien. Der Vorsitzende der Gruppe, Herr JustizraL Di\ Gnttsmann, eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßungsansprache, in der er auf die Ereignisse des letzten Monats verwies, an die Protestoersammlung im Saale der Brauerei Friedrichshain erinnerte, die in derselben angenommene Resolution verlas und konstatierte, daß auch die Gruppenversammlung bereit sei, der gleichen Empfindung Ausdruck zu verleihen. Der Vorsitzende betonte im weiteren Verlaufe seiner Ansprache die Bedeutung der geplanten Abänderung des Volksschulgesetzes und gab dabei der Ueberzeugung Ausdruck, daß auch hierbei der Central-Verein auf dem Posten sein werde. Hierauf behandelte Herr Dr. med. Hugo Feilchenfeld in einem einstündigen Vortrage das Thema: „Der Einfluß der Juden auf die politische Entwickelung Deutschlands." Der Redner erinnerte in der Einleitung seines Vortrages daran, daß schon Nietzsche und Heine auf die zwischen den Juden und den Germanen vorhandenen engen Beziehungen hingewiesen haben, die seit der Einwanderung vou Juden Zur Zeit Julius Casars bis zur Zeit des ersten Kreuzzugs bestanden und nur durch den religiösen Fanatismus so getrübt wurden, daß viele Jahrhunderte hindurch die Juden nicht mehr Geschichte machten, sondern nur noch erlitten. Unter dem Freidenker Friedrich dem Großen lichtete sich in Preußen die Atmosphäre, und in dieser Zeit der Aufklärung konnte schon ein deutscher Jude, Moses Mendelssohn, nicht nur in meisterhafter deutscher Sprache unvergängliche Werke schaffen, sondern auch seinem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß der große Preußenkönig für die französische Sprache eine Vorliebe hatte. Mit der Lockerung der Geistesfesseln kräftigte sich die deutsche Gesinnung der Juden mehr und mehr, so daß sie, uneingedenk der Tatsache, daß Kaiser- Napoleon auch die Tore des deutschen Ghettos geöffnet hatte, sich völlig als Söhne des deutschen Vaterlands fühlten und als solche in den Befreiungskriegen als Waffengefährten der christlichen Freiheitskämpfer derart bewährten, daß der Staatsmann Hardenberg dies öffentlich rückhaltslos rühmend anerkannte. Die politische Reaktion nach den Befreiungskriegen brachte auch für die deutschen Juden einen Rückschlag, der sie bitter enttäuschte und die nach Freiheit Dürstenden mit Bitterkeit erfüllte. Dieser Empfindung lieh Ludwig Börne den wirkungsvollsten Ausdruck. Umsonst hatte er sich zur Taufe entschlossen; nie