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Im deutschen Reich · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. 102

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Berlin
Date
1906-02-01
Page
102 (sequence 6)
Language
German
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102 Im deutschen Reich. immer festere Gestalt gewinnen, anschaulicher werden und Zahlreichere, kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen; wie nach langen Monatm neue Zeugen sich melden und unter ihrem Eide über entscheidende Tatsachen berichten, die sie bis dahin unbegreiflicherweise bei sich behalten haben; wie die Maschen des Netzes immer enger werden, daß sich über dem Verdächtigen zufammenzieht. Die „Kriminalistik", das Wort im Sinne von Hans Groß genommen, kann reiche Belehrung und vielfach neue Anregung aus dem Buche schöpfen. Und so möchte ich das gründliche Studium der Schrift den Gebildeten aller Kreise, ganz besonders aber unfern deutschen Strafrechtspraktikern wärmstens empfehlen. Es ist keine Tendenzschrifll was der Verfasser uns geliefert hat, sondern eine nüchterne, streng wissenschaftliche, überall auf dem Akteninhalt fußende Darstellung eines der interessantesten und lehrreichsten Prozesse aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts." — Den Wiener „Ritualmordmärchen-Dichtern" kommt diese Aeußerung Liszts, die auch die „Neue Freie Presse" wörtlich wiedergegeben har, sehr ungelegen. Höhnisch schreibt das antisemitische Wiener „Deutsche Volk-blatt": „Die Zeugen im Prozesse Hilsner standen also alle unter Suggestion. Vermutlich wurde auch Hilsner suggeriert, ein Geständnis abzulegen. Man höre doch endlich einmal auf, das Publikum mit solchen „wissenschaftlichen" Tendenzschriften zu belästigen. Die Polnaer Ritualmorde vermag heute keine noch so gelehrte Schrift mehr zu entkräften, sie wurden gerichtsordnungsmäßig bewiesen." — Bekanntlich war auch bei der Verurteilung, die einst Voltaire erfolgreich als einen „Justizmord" vor aller Welt hinstellte, die Schuld des Verurteilten „gerichtsnotorisch" bewiesen. Aber einen Ritualmord hat der Polnaer Prozeß gar nicht einmal bewiesen. Die Wiener „Sorm- und Montag-Zeitung" schreibt: Im .Deutschen Volksblatt" springt offenbar der.H. A. Schwer auf Professor Liszt los: „Die Polnaer Ritualmorde vermag heute keine noch so gelehrte Schrift mehr zu entkräften, sie wurden gerichtsordnungsmäßig bewiesen." Diese handgreifliche Lüge schreibt der Mensch nieder, welcher an der Spitze der „privaten Unrersuchungskommission" stand und damals — nach eigenem Bekenntnis! ~~ nicht davor zurückbebte, den noch knabenhaften Bruder Leopold Hilsners zu berauschen, um gleich den Galgenknechten in den alten Zeiten durch eine Art Tortur ein be-

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