Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 94 (sequence 11)
- Language
- German
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91 Im deutschen Reich. preußische Kriegsminister von Einem und den Kernpunkt der Frage gar nicht berührt. Nicht um seine persönliche Vorurteilslosigkeit war es der liberalen Fraktion Zu Lun, sondern um Erfüllung der ministeriellen Pflicht der Zurechtweisung eines Parlamentariers,,der seine Immunität dazu mißbraucht hatte, Teile der bayerischen Armee herabzuwürdigen, deren Gesamtheit Herr von Horn im Parlament zu vertreten hat. Daß die fortgesetzten Angriffe, denen die Juden ausgesetzt sind, ohne von maßgebender Seite den entschiedenen Schutz zu finden, auf den sie als pflichttreue Staatsbürger vollen Anspruch haben, viele in eine ungewöhnliche Reizbarkeit versetzen oder mit einer unnötigen Scheu vor jedem öffentlichen Wirken erfüllen, ist erklärlich, aber bedauerlich. Wohin es aber führt, wenn das Treiben der Antisemiten bessere Elemente in den Hintergrund drängt, zeigt Oesterreich Bon dort berichtet die Zeitschrift „Information": „Die Besetzung des Lehrstuhls für innere Medizin, den der berühmte Nothnagel innehatte, bis ein zu früher Tod ihn aus dieser Stellung riß, sängt für die Wiener Universität an zu einem blamablen Satyrspiel zu werden. ' Man findet keinen Nachfolger. Wer hätte das vor drei Jahrzehnten denken mögen, daß die stolze Universität Wien aus eine lange Suche nach Professoren einst werde ausziehen müssen! Aber die Dinge ändern sich eben und die Gründe, die die Ablehnungen motivieren (ausgesprochen oder unausgesprochen), sind einleuchtend genug. Die geistige Atmosphäre Wiens ist dank der christlich-sozialen Partei eine für die Vertreter der höchsten Bildung unerquickliche geworden. Die forcierte Verachtung alles Geistigen, sofern es sich nicht der Parteifuchtel des plebejischen Antisemitismus unterwirft, und die überaus rohe und gehässige Art, in der diese Stimmung sich betätigt, haben gerade auch dem verstorbenen Nothnagel das Leben genug verbittert; sie erschweren aber auch den rein technischen Fortschritt, indem eben die Negierung aus jene Partei, die Beherrscherin Niederösterreichs, tausend Rücksichten nehmen muß und in ihren Geldaufwendungen zu Bildungszwecken nirgends freie Hand hat. So muß die Universität Wien es erleben, daß es den deutschen Hochschulen mühelos gelingt, österreichische Gelehrte an sich zu fesseln, während selbst die ersten Wiener Pro-