Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 91 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 91 Straße die revolutionären Flutwellen den Damm durchbrechen, so daß die Sicherheitsorgane mit der Waffe einschreiten müssen!" Während der Wirren in Könitz und bei den Pückler-AusreiZungen kam ihr diese Erleuchtung nicht! Nicht ihr und ihren Anhängern, sondern den ebenso umsichtigen wie entschlossenen Maßnahmen der Behörden und auch dem besonnenen Verhalten der Berliner Arbeiter ist es zu danken, daß die Wahlrechts - Demonstration in Berlin einen Verlauf nahm, der die vorher mehrfach gehegten Befürchtungen in keiner Weise rechtfertigte. Der größte Teil der Berliner Bürgerschaft fürchtete von der für den 21. Januarvorbereiteten Straßendemonstration keine ernste Gefahr, weil man überzeugt war, daß Polizei und Militär für die Ordnung der Straße Sorge tragen und auch die von einer in der „Andreasburg" abgehaltenen Versammlung deutsch-nationaler Handlungsgehilfen und Studenten beschlossenen bedenklichen Gegenkundgebnngen verhindern würden. Es bedurfte dieser Schwarmgeister nicht, um die Massen der Arbeiter im Zaum zu halten; sie hätten höchstens den Sturm entfesselt, statt ihn zu dämpfen. Nachdem die hochgehenden Wogen sich bereits vollständig gelegt hatten, haben die verschiedensten antisemitischen Organisationen in Agitations-Versammlungen die stattgehabten Arbeiter-Kundgebungen trotzdem dazu zu benutzen versucht, die Bevölkerung auf straflose Weise zur Bekämpfung des Judentums auf allen Gebieten aufzufordern, und dabei ist auch wieder der Hofprediger a. D. Adolf Stöcker auf dem Plan erschienen, um in einer Tonhallen-Versammlung durch das Märchen von den angeblichen engen Beziehungen zwischen Judentum und Sozialdemokratie Rekruten für die von ihm geleitete christlich-soziale Arbeiterbewegung zu werben. Mit den damit in den Berliner Arbeiterkreifen bisher erzielten Erfolgen kann sich der alte Rufer im Streit nicht eben brüsten; seine Anhängerschaft rekrutiert sich fast nur aus den Reihen, die ihm von dem deutsch-nationalen Handlungsgehilfen - Verband und dem „Vereine deutscher Studenten" Zugeführt werden. Bei dem Kommers in dem Neuen Operntheater, durch den dieser Verein fein 25. Stiftungsfest und gleichzeitig die Erinnerung an die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches feierte, spielte Adolf Stöcker, der als Ehrengast erschien, eigentlich die Hauptrolle. Diesmal bildeten keine prinzlichen Gäste den Mittelpunkt des Festes; der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich waren diesmal nicht