Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Verhandlung über "das Volksschulunterhaltungsgesetz"
- Date
- 1906-02-01
- Page
- 71 (sequence 7)
- Language
- German
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Verhandlung über das VolLsschulunterhaltungsgesetz. 71 modernen achtklassigen, wohlgegliederten Volksschulen mit allen Lehrmitteln der heutigen Pädagogik stände das kleine ein- oder Zweiklassige Schulhaus der Judenkinder, geleitet von Leh-kräften, welche nicht nach ihrer pädagogischen Tüchtigkeit, auch nicht nach ihrem Ansehen unter ihren Glaubensgenossen, sondern lediglich nach den Bedürfnissen des Staates gewählt, von der christlichen und — wie man in solchen Fällen Voraussetzen muß — antisemitischen Stadtverwaltung vorgeschlagen und einer jüdischen Instanz überhaupt nicht unterstellt sind. Nur die äußerste Not oder die völlige Gleichgültigkeit für die Bildung ihrer Kinder könnte jüdische Eltern veranlassen, ihre Kinder einer solchen Schule anzuoertrauen, welche gegründet ist, um ihre Krnder gleichsam wie Verseuchte von der Gemeinschaft mit christlichen Altersgenossen fern zu halten. Nur äußerste Not und völlige Gleichgültigkeit gegen das Standesinteresse könnte anderseits jüdischen Lehrkräften die Tätigkeit an solcher Ghettoschule erstrebenswert erscheinen lassen Anders wäre es, wenn man die Einrichtung jüdischer Volksschulen an den Antrag jüdischer Gemeinden knüpfen, den jüdischen Eltern aber freistellen würde, ihre Kinder auch gemeinschaftlichen Schulen unter Befreiung vom Religionsunterricht, der dann nachgewiesenermaßen anderweit zu beschaffen wäre, zuzuweisen. An die Empfindungen jüdischer Eltern denkt unser Gesetz an keiner Stelle. Schon aus dem, was ich Ihnen über die konfessionelle Gliederung der Schule im Anschluß an § 18 und 22 des Entwurfes mitgeteilt habe, können Sie entnehmen, wie es um die Zukunft des jüdischen Lehrerstandes bestellt ist. Mit großen Kosten und ohne Opfer zu scheuen, sind jüdische Seminare in Preußen entstanden, bestimmt dazu, einen pädagogisch hochstehenden und glaubenstreuen jüdischen Bolksschullehrerstand heranzubilden, der in keiner Weise den Vergleich mit dem christlichen Lehrerstand zu scheuen haben sollte. Es wäre vermessen von mir, ein Urteil abzugeben, wieweit diese Bestrebungen von Erfolg gekrönt waren. Aber hören Sie, wen Sie wollen aus den Kreisen, welche es wissen müssen, so werden Sie erfahren, daß unser heutiger jüdischer Lehrerstand seiner schweren Aufgabe in vollem Maße sich gewachsen zeigt, daß eine Hebung des Standes eingetreten ist, wie sie unserer ganzen vorgeschrittenen Entwickelung entspricht, und daß, wenn