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Im deutschen Reich · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. 49

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
[Ohne Titel]
Date
1906-01-01
Page
49 (sequence 3)
Language
German
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Veremsnachrichten. 19 testantischen Staaten wurde ihre Lage sogar noch verschlechtert. Dennoch bereitete dieses weltgeschichtliche Ereignis eine Besserung vor, indem es den Anfang vom Ende der Lehre vom „christlichen Staat", der jetzt keine Glaubenseinheit mehr besaß, bedeutete. Der Protestantismus beherrschte den Staat nicht, sondern bedurfte seiner Protektion, und der Staat erstarkte wiederum, kehrte zu der altrömischen Staatsidee zurück und wurde zu einer nichtkirchlichen, nationalen und selbständigen sittlichen Macht, von der die Juden eher Rettung hoffen durften, wenn ihnen Verfolgung drohte. Der „nationale" Charakter des Staates verhinderte diesen Schutz deshalb nicht, weil die Juden immer und überall, so unbeugsam sie sich weigerten, Christen zu werden, ebenso freudig in das Leben der Nation eintraten, wo ihnen die Tore dazu geöffnet wurden. Die logische Konsequenz der Reformation war ferner Gedanken- und Gewissenssreiheit. Kaum der katholisch-kirchlichen Tyrannei ledig, öffneten sich England und die Niederlande den Juden wieder. Die Bereinigten Staaten von Nordamerika waren die ersten, die auf eine Staatsreligion verzichteten und die Gleichberechtigung aller Bürger dekretierten. Dies war das Endergebnis einer geistigen Bewegung, der die Reformation jedenfalls einen kräftigen Anstoß gegeben hatte. Die Geistesarbeit einer glänzenden Reihe von Denkern und Dichtern Italiens, Hollands, Englands, Frankreichs und Deutschlands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, aber noch weiter bis in die Zeit der Renaissance und des Humanismus und selbst bis in das Mittelalter zurückgehend, hatte langsam ein neues Zeitaltervorbereitet, das Zeitalter der Aufklärung und Humanität. Ein neues Lebens- und Staatsideal kam zur Geltung. Der Mensch wurde wieder entdeckt. An die Stelle des christlichen Staates trat der moderne Rechts- und Kulturstaat. Die französische Revolution bedeutete die Krönung dieses Werkes durch die Erklärung der Menschenrechte und langsam, aber unaufhaltsam vollzog sich damit die Besserung der Lage der Juden bis mit dem Gesetz vom 3. Juli 1869 das letzte Zeichen des Mittelalters fiel, so daß das bald darauf errichtete neue deutsche Reich nicht als christlicher, sondern als moderner nationaler Kultur- und Rechtsstaat erstand. Aber wie alle großen Wandlungen hat sich auch diese nicht gradlinig vollzogen, ist der Fortschritt zeitweilig durch Rückschritte unterbrochen worden. Der Vortragende zeigte, wie die im kanonischen Rechte enthaltenen mittelalterlichen

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