Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- 48 (sequence 2)
- Language
- German
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48 Im deutschen Reich. des Christentums die Opfer heidnischer Verfolgungen geworden sind. In demselben Atom ent aber, in dem unter Konstantin dem Großen das Christentum SLaatsreligion wurde und der Gedanke des „christlichen Staates" in die Erscheinung trat, sei aus der Verfolgten eine Verfolgerin geworden, die sich mit unsäglicher Schärfe gegen Ketzer und Juden wandte. An die. Stelle des „Menschen" trat nun der „Christ"; die Erstrebung derGlanbenseinheit und die -Ausrottung der Ketzer galten als religiöse Pflichten. Diesen -Anschauungen fielen u. a. die arianischen Ostgothen Zum Opfer, und die Juden hatten es nur nächst der göttlichen Vorsehung der Rücksicht auf die mögliche Erfüllung gewisser christlicher Weissagungen über Israels einstige Bekehrung Zu danken, daß sie nicht ebenfalls ganZ vertilgt wurden. Dafür aber wurden ihnen nach und nach alle Rechte genommen, die' ihnen einzelne heidnische römische Kaiser, Z. B. Caracalla, gewährt hatten. Die Entrechtung erfolgte nur deshalb nach und nach, weil die Volksgesinnung milder als die Kirche war unb erst durch diese damals und auch später judenfeindlich gemacht wurde. Bei dieser geschichtlichen Darlegung gab der Redner der UeberZeugung Ausdruck, daß kein Volk, am wenigsten ein germanisches, von Natur judenfeindlich sei, sondern immer erst durch Verhetzung hierarchischer Organe dazu angeleitet wurde. So hätten in jener Zeit unter dem bischöflichen Einfluß die Kaiser Honorius I. und Theodosius II. nach und nach den Ausschluß der Juden non Staatsämtern, vom Heeresdienst und von der Advokatur angeordnet, Kaiser Justinian ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte vollständig entgegen. (Sint in tiirpitudiiie fortunae, in qua et animam volont esse — vilissimi homines extremae conditionis). In einen Jdealstaat der Judenfeinde verwandelte sich der westgothische Staat in Spanien, nachdem die Westgothen aufgehört hatten, Arianer Zu sein, und auf dein Konzil von Toledo kam die kanonische Gesetzgebung Zum schärfsten Ausdruck. Durch diese noch heute nachwirkende Gesetzgebung wurde der Verkehr der Christen mit den Juden auf ein Minimum eingeschränkt und die Rechtlosigkeit und Erniedrigung der Juden vervollständigt, indem man ihnen den gehässigen Geldwucher als einZigen Erwerb aufdrängte, sie im Ghetto von der Welt absperrte und durch die Judenhüte und Judenflecke so kennzeichnete, daß sie bei dem Zeitweisen Verlassen des Ghettos jeder Mißhandlung preisgegeben waren. Tie Reformation änderte daran Zunächst nichts; in manchen pro-