Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- 29 (sequence 16)
- Language
- German
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Umschau. 29 Aussichten auf größere Bürgerfreiheit. In den weitesten Kreisen des russischen Volkes lebt jetzt die UeberZeugung: Noch ist kein Fürst so hochgefürstet. So hochgestellt kein irdischer Mann, Daß wenn ein Volk nach Freiheit dürstet, Er es mit Freiheit tränken kann. Und was sagen zu der Katastrophe in Rußland die deutschen Antisemiten? Angesichts der Judenmetzeleien fanden sie es ganz in der Ordnung, daß die russische Regierung die Wehrlosen schutzlos ermorden ließ, und sie wiesen mit Entrüstung den Gedanken zurück, daß irgend eine ausländische Regierung den russischen Machthabern gegenüber wegen ihres nicht nur sie, sondern die Menschheit schändenden Verhaltens Vorstellungen wachen oder auch nur ihrem Mitgefühl mit den unglücklichen Opfern einer verfehlten Staatspolitik Ausdruck verleihen könnte. Jetzt, wo die Gutsbesitzer und Pastoren in den Ostfeeprovinzen Haus und Hof verlassen müssen, um nicht Opfer der baltischen Volkswut zu werden, jetzt findet die „Staatsbürger-Zeitung" die Sprache wieder, um gegen Plünderung, Diebstahl und Mord zu eifern und zu behaupten, daß sich bei solchen Verbrechen „die sozialistischen Doktrinäre vergnügt die Hände reiben". Ob sich bei den Nachrichten von Kischinew, Homel und Odessa die Wortführer der deutschen Antisemiten die Hände gerieben.haben, wissen wir nicht, ernstlich getadelt haben sie die gegen Juden verübten Verbrechen nie, — nein, sie haben sie stets als Ausbrüche einer berechtigten Volksrache entschuldigt. Was sie dem befreundeten russischen Staate gegenüber als undenkbar hinstellten, eine Einmischung der deutschen Regierung in die inneren Verhältnisse Rußlands, das fordern sie jetzt mit Ungestüm. Die „Staatsbürger-Zeitung" schreibt: „Kann die deutsche Reichsregierung solchen schrecklichen Tatsachen gegenüber noch länger in Untätigkeit verharren? Wäre es nicht vielmehr ein Zwingendes Gebot der Pflicht, so schnell wie möglich Hilfe Zu bringen? Sollte es nicht höchste Zeit sein, durch Entsendung von Kriegsschiffen nach den baltischen Hafenplätzen, ja selbst ourch den Einmarsch von Truppen den Mörderbanden das Handwerk zu legen? Rußland hat nicht die Macht, die deutschen Reichsangehörigen zu schützen und seine besten und treuesten Untertanen vor der Vernichtung zu bewahren. Hat Deutschland auf solch einen jämmerlichen, der Auflösung entgegentreibenden Staat noch