Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- 22 (sequence 9)
- Language
- German
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22 Im deutschen Reich. als er Hirtenknabe war, Steine aus dem Bache nahm und sie dem Riesen Goliath an den Kopf warf. (Heiterkeit.) Nun, erlauben Sie mir, Hirtenknabe zu sein (Heiterkeit), wenn ich auch alt bin. Der Goliath der Großstadt, der uns mit seinem Unglauben oerwüstet, ist für mich etwas Furchtbares. Wenn ich ihm mit drei Kieselsteinen die Stirne zerschmettern und hinterdrein noch den Kopf abschlagen könnte — natürli ch nur bildlich! — so wäre mir das die größte Freude. Damit tun wir dem Kirchenregiment einen guten Dienst." Die Worte „natürlich nur bildlich!" erinnern so lebhaft an die Methode des Grafen Pückler, daß es dem „teuren Gottesmanne" künftig schwer fallen dürfte, diesen als Gesinnungsgenossen abzulehnen. Das dürfte um so schwieriger sein, als der Abg. I). Stöcker im deutschen Reichstage am 15. Dezember, nachdem er zum Gaudium der Konservativen die Sozialdemokratie für die revolutionäre „Maul- und Klauenseuche in Rußland" verantwortlich gemacht hatte, auch weidlich gegen die Juden loszog und in unverfälschter Pückler-Tonart sich nach dem Berichte der „Staatsbürger-Zeitung" zu der Behauptung verstieg: „Das Judentum hat das deutsche Familienleben vernichtet; es hat die deutsche Redlichkeit und Treue untergraben." Am Schlüsse der wiederholt mit Heiterkeit aufgenommenen Rede verfiel er wieder in ernste, weichmütige Stimmung: „Ich bin jetzt 70 Jahre, ich werde nicht lange mehr leben; das aber habe ich erfahren: Wer an der Seele des deutschen Volkes arbeitet, verdient Liebe und Dank!" Er kann tatsächlich davon überzeugt sein, daß der Dank für diese Seelenbearbeitung ihm einst von der Nachwelt in derselben Weise gezollt wird, wie jedem, der nach Herostratenart den Tempel der Humanität zerstört, um sich einen Namen zu machen! In seiner Reichstagsrede vom 15. Dezember hat Adolf Stöcker nicht ohne Geist, aber doch mit einem unverkennbaren Mangel an Logik fast alles, was ihm an der Sozialdemokratie mißfällr, auf jüdische Einflüsse zurückgeführt und den Sozialdemokraten nachgesagt, sie könnten nicht einmal das Schlechte erfinden; sie hausierten nur damit. Dann fügte er hinzu: „Es gibt eine verwünschte Tätigkeit des Judentums in unserm Leben." In seinem Leben mag es eine solche geben; denn sein Judenhaß hat auf ihn den verwünschten Einfluß gehabt, bedeutende Fähigkeiten, die ihm und ändern hätten reichen Segen bringen können.