Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 12 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- 17 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 17 wirtlichen Lande zu entkommen suchen, wie unablässig Scharen und Scharen von den Ostseeprovinzen aus die deutsche Grenze überschreiten, erleichtert aufatmend, daß sie hier in Sicherheit sind, aber bang aufseufzend bei dem Blick in die Zukunft." Das ist die Folge des Aufeinanderhetzens der Rassen und Konfessionen, in dem Rußland unter dem Beifall der deutschen Konservativen Mustergiltiges geleistet hat. Die Geister, die die Reaktionäre riefen, wissen sie nicht zu bannen; sie glaubten mit ihrer Hilfe die fortschrittliche Entwickelung der Kulturwelt zu hemmen, aber die entfesselte Bestie wendet sich schließlich nicht nur gegen eine wehrlose Minderheit, die der herrschenden Klasse wegen ihrer Abstammung und wegen ihres Glaubens unbequem ist, sondern gegen die gesamte staatliche und gesellschaftliche Ordnung und macht in ihrer Zerstörungswut keinen subtilen konfessionellen oder rassenstolzen Unterschied. Die deutschen Antisemiten strengster Observanz Zeigen durch ihre Jammerruse nach einer deutschen Einmischung in die russischen Verhältnisse noch mehr Verständnis für die Gefahren, die sie mit heraufbeschworen haben, als die Konservativen, die der antisemitischen Wühlarbeit frohlockend zusahen, weil sie hofften, daß dadurch nur dem Liberalismus der Boden entzogen würde. Wie wenig sie die Situation begreifen, wie wenig sie von dem Schicksal des Zarismus gelernt haben, der zumeist durch das starre Festhalten an veralteten politischen Anschauungen bis an den Abgrund gebracht worden ist, bewies eine Aeußerung des alten „Scharfmachers" von Kardorff, der im deutschen Reichstag die Hoffnung aussprach, daß die Reichsregierung einer etwaigen Entwickelung der deutschen Verhältnisse nach russischem Muster entschlossen Vorbeugen werde, dabei auch für Deutschland die Judenverfolgungen an r ie Wand malte und an Könitz erinnerte. Die Frankfurter „Kleine Presse" bemerkt dazu sehr richtig: „Unglücklicher hätte er nicht exemplifizieren können, denn die Konitzer Affäre hat für die deutschen Antisemiten kaum einen besseren Ausgang genommen, als die Dreyfus-Affäre für die französischen. An einen Ritualmord glaubt im Falle der Ermordung des Gymnasiasten Winter in Könitz kein halbwegs vernünftiger Mensch mehr, und so hat sich Herr von Kardorff mit seinen antisemitischen Anspielungen sicher keine Lorbeeren erworben." Wer nicht durch Vorurteile verblendet ist, der wird zugeben müssen, daß es derselbe Geist der