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Im deutschen Reich · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. 2

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
12 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Ostmarken-Politik
Date
1906-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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2 Im deutschen Reich. „Die Ostmarkenfrage beschäftigt seit Jahrzehnten die preußische Regierung. In dem betrübendsten Punkte Bismarckscher innerer Politik, in dem Kulturkämpfe, war die polnische Seite der katholischen Sache nach seinen eigenen Worten überwiegend maßgebend für den Beginn des Kampfes. Und wir gehen kaum fehl in der Annahme, daß des Kanzlers scharfes Auge aus diesem Teile des Schlachtfeldes zu allererst einsah, daß Rom unbesiegbar, daß Rom im Feuer gehärtet wurde, daß der östlichen Klerus- Macht eine Blüte ausschoß vom Beginne des Kulturkampfes an. Alles -Bedauern ändert an dieser Tatsache nichts: das Polentum repräsentiert heute eine Gewalt, die größer ist, als sie je gewesen. Denn mögen auch in Oberschlesien Scharmützel zwischen dem katholischen Zentrum und dem katholischen Polentum ausgesuchten werden, das Katholikentum der ganzen Welt sieht mit mehr als wohlwollender Neutralität dem Ringen der polnischen Katholiken gegen das protestantische Deutschtum zu. Und die stärkste Waffe in jedem Kriege, das Geld, wird den Polen merkwürdiger Weise von ihrem Feinde selbst geliefert. Die Millionen der Ansiedelungskommission gaben die erste Rate her, um die polnischen Waffen zu schmieden. Polnische Existenzen, welche dem Untergange nahe waren, verkauften mit der steigenden Konjunktur ihren Landbesitz der preußischen Regierung, um mit dem Gewinn besseres deutsches Land oder städtischen Besitz anzukaufen. Unbewiesen, aber allgemein geglaubt ist die Nachricht, daß unerschöpfliche Geldmittel katholischer Orden den Polen zur Verfügung stehen. Reich versehen mit Waffen zum wirtschaftlichen Kampfe trat Polen auf den Plan, durch die Begeisterung aller Stammesgenossen für ihre Sache, durch die Einigkeit und den Opfermut siegesgewiß gemacht. Es klingt hart, wenn ein deutscher Staatsbürger es ausspricht: nichts von alledem hat das Deutschtum im Osten in die Wagschale zu werfen. Aber an dieser herben Wahrheit ändert keine noch so begeisterte Festrede etwas. Potemkinsche Dörfer! Während der Pole vorwärtskommt, wird dem schaffenden deutschen Gewerbetreibenden das Leben schwergemacht: Boykott der uneinigen Deutschen gegen Boykott des einigen Polentums. Boykott aber auch im Deutschtum selbst, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Boykott, streng durchgeführt gegen die Juden. So ist in Kürze das Gesamtbild im Osten der preußischen Monarchie.

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