Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 646 (sequence 15)
- Language
- German
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646 Jur deutschen Reich. Der neue Justizminister Veseler wird sehr bald im Deutschen Reichstage Gelegenheit haben, Farbe z» bekennen, da der antisemitische Abz. O. Böckler in einer Interpellation im Interesse seines Freundes Krösell Vergleiche anstellen will zwischen dem Verhalten des Stargarder Staatsanwalts und dem der Breslauer Just zbehörden in dem Falle des Landgerichtsdirektors Haffe. Eine kräftige Abfuhr wird dabei dem neuen Justizminister nicht schwer fallen, da er selbst bisher in Breslau tätig war. Ob er zu den dortigen höheren Jnstizbeamten gehörte, die als Ehrengäste des „Vereins christlicher Referendare" den zweifelhaften Genuß hatten, das „Nasenträger"-Kommerslied anzuhören, ist bis jetzt nicht bekannt geworden; mit seinen Familien-Traditionen würde es sicher nicht übereinstimmen, wenn er an der Tendenz dieses Liedes Gefallen gesunden hätte. Das Vertrauen kann man dem „neuen Herrn" im Reffort der Justiz entgegenbcingen, daß er in der Frage der Anstellungen sich weder unmännlich hinter den Rechten der Krone verschanzen, oder durch verfasiungswidrige Hinweise auf künstlich erzeugte Volk, strömungen mit dem klaren Wortlaut des Artikels 12 der preußischen Dcrfaffungsurkunde und des Gesetzes vom 3. Juli 1869 in offenkundigen Wlderspruch setzen werde. Eine Strophe des nachträglich vollständig bekannt gewordenen Liedes endet, nach einer Mitteilung des „Jüdischen Volksblattes" mit den Worten: „Daß der alte Geist nicht weiche, das darf unsere Hoffnung sein!" Ob diese Hoffnung auf Fortdauer des „Systems Schönstedt" sich erfüllen wird, tü fte sich bald zeigen. Es ist aber wohl auch eine Pflicht der Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß dieses System nicht so verheerend gewirkt und schon früher ein Ende genommen hätte, wenn nicht seit Jahrzehnten in den akademischen Kreisen auch von anderer Seite der Raffendünkel großgezogen und zu politischen ZDecken ein ödes, charakterloses Strebertum, eine an russische Verhältniffe bedenklich erinnernde „Stellcnjägerci" wenn nicht begünstigt, so doch mindestens geduldet worden wäre. In der Nummer 45 der in Berlin erscheinenden „Alldeutschen Blätter" veröffentlichte ein Mitglied des „Alldeutschen Verbandes", Lanz-Licbenfels, kürzlich einen Artikel „Morgenrot des Altertums", in dem der Versaffer unverblümt den freundlichen Rat erteilte, „daß man von den Jesuiten lernen solle, arische Abiturienten zu versorgen." Einem anderen Verbandsmitglied war dieser Zynismus denn doch zu arg; Herr Oberlehrer vr. Heinrich Römheld in Eschwege veröffentlichte an derselben Stille eine Entgegnung, in der es heißt: „Gesetzt, wir haben an einem hessischen Gymnasium 20 Abiturienten, von denen