Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 645 (sequence 14)
- Language
- German
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Umschau. 645 die Oeffentlichkeit, nicht als Denunziation, sondern als Zuflucht zu dem öffentlichen Urteil wirklich gebildeter Menschen." — Diese aber muffen sich notgedrungen selbst fragen, wer dieses widerliche Vorurteil gegen eine „koschere Justiz" den jugendlichen Referendaren eingeimpft, oder doch wesentlich dazu beigetragen hat, dem Rassenfanatismus bei ihnen den Eingang zu erleichtern. Es ist der Leiter der Justizverwaltung selbst gewesen. Er ist aus dem Amte geschieden, seine Anschauungen aber werden weiter wirken. Die antisemitische Presse widmet ihm, der ihr absichtlich oder unabsichtlich genützt hat, und dem sie es zuzuschreiben scheint, daß doch nicht alles in der Justiz „koscher" ist, wahrhaft ergreifende Nachrufe. So berichtet die „Deutsche Tageszeitung" von dem bisherigen Justizminister Dr. Schönstedt: „Er weiß und hat es während seiner amtlichen Tätigkeit oft empfunden, daß er dem Judentume ein Dorn im Auge ist, weil er, wenn auch ganz schüchtern und bescheiden, der Ueberwucherung unseres Richterstandes durch das jüdische Element zu wehren gesucht hat." Ein Amtsrichter schrieb der „Staatsbürger- Zeilung": „Ich erlaube mir für einen Nachruf in Ihrem geschätzten Blatte ergebenst darauf aufmerksam zu machen, daß sich der scheidende Minister ein besonderes Verdienst damit erworben hat, daß cr den preußischen Richterstand möglichst judenrein gehalten hat, nicht etwa aus sogen, antisemitischen Neigungen, sondern um das Gefühl des christlichen Publikum zu schonen und vor einem inneren Konflikt bei Erdesabnahme usw. es zu bewahren. Vor allem hat er aber/ selbst gegen den Ansturm der semitischen Parteien im Abgeordnetenhause, das Prinzip durchgeführt, daß in Berlin nur soviel jüdische Richter angesteüt wurden, wie es prozentual der jüdischen Bevölkerung entsprach." Daß in der Bruhnschen „Wahrheit" dem ausgeschiedenen „Jmponderabilien"-Justizmiriister von einem „Cato“ noch ein Lorbeer gewunden wird, dürste dem klassischen Satze: „Sed yictis Catonem“ entsprechen. Es heißt nämlich dort: „Dr. Schönstedt hat es mit den Liberalen verdorben, weil erden preußischen Richter stand vordem übermäßigen Eindringen der Juden zu schützen wußte; auch daß bei der Ernennung von Notaren nicht nur Juden herangezogen wurden." Unseres Wissens ist es unter dem Regime Dr. Schönstedts mit der Ernennung von Notaren ganz anders zugegangen. ,.Das Gefühl" des zum Leserkreise der Bruhnschen Organe gehörigen Teils ,,des christlichen Publikums hat er tatsächlich so geschont", daß diese Gemütsmenschen jetzt unverkennbar fürchten, sie würden „nimmer seines Gleichen sehen,"