Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 643 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 643 der Zeit, daß sich in der Hauptstadt des Deutschen Reiches, die man wohl auch die „Metropole der Intelligenz" genannt hat, Tausende von Menschen gegen 20 Pf. Entree in Versammlungen drängen, um derartige Dinge anzuhören, zu beklatschen und zu bejubeln." Am 20. November sprach Graf Pückler bei ,,BuggevHagen" am Moritzplatze in Berlin und führte aus, die Quälereien jüdischer Grelle und Kinder seien zwar nicht empfehlenswert, aber im übrigen könne das System der russischen Judenmassakres nur vorbildlich für die anderen Länder wirken. Graf Pückler erläuterte die Anwendung dieses Systems in Deutschland näher und forderte zunächst die Berliner Schmiedemeister auf, als die ersten der „schwarzen Berliner Hundert" die Judenverfolgung zu eröffnen. Ec fügte mit Augenzwinkern hinzu, er wolle nicht etwa dazu aufceizen, die Juden in Berlin zu erschießen, weil man sonst die Versammlung auflösen würde, aber eine frische, fröhlische Hilschjagd müßte hier veranstaltet werden. Die Berliner sollten ins Jagdhorn blasen, daß alle Juden, die bösen Richter und Staatsanwälte in Moabit und vor allem auch die Schutzleute und Polizeileutnants platt auf den Rücken st. len. — Hierbei lächelte Graf Pückler liebenswürdig zum Tisch des überwachenden Polizeileutnants hinüber. Dieser erhob sich und löste die Versammlung auf. Aus der Bühne kam es noch zu einer erregten Szene zwischen dem Polizeileutnant und dem Leiter der Versammlung. Als letzterer nach der Auflösung die Versammelten aufforderte, in einem andern Lokale zusam-nenzubleiben, untersagte ihm der Beamte das weitere R den. Ais Antwort darauf intonierte der Versammlungsleiter das Lied „Deutsch-' land über alles". Man würde angesichts eines derartigen Treibens in einem Kultur ftaate vor einem Rätsel stehen, wenn man nicht hinreichend Gelegenheit hätte, die Verwüstungen zu beobachten, die der Raffendünkel bereits in den Kreisen argerichtet hat, die gegen solche Unbildung nicht nur durch ihren Bildungsgang, sondern auch durch die Aussicht auf eine künftige, mit großer Verantwortlichkeit verbundene wichtige Berufsstcllung gefeit sein sollten. Daß der ehemalige Referendar G>af Pückrer straflos die breitsten Vocksmaffen beständig zu den ärgsten Gesctzesverletzungen auffordern kann und darf, ist schlimm genug — minder für die Juden, als für das Ansehen derer, welche dies dulden zu müssen glauben. Weit schlimmer aber ist es noch, daß der durch den Antiiemirismus herbeigeführte Niedergang des akademischen Lebens die trütsten Aussichten für die Zukunft eröffnet, in denen eine in der Pückler-Atmosphäre großgewordene Juaend berufen sein dürfte, in der Verwaltung und der Rechtepflege einflußreiche Stellen einzunehmen.