Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 640 (sequence 9)
- Language
- German
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640 Im deutschen Reich. Christenheit handle. Es sei eia Ehrentitel der christlichen Kirche, daß ihre Geist ichkeit sich von der schmachvoken antisemitischen Bewegung sernhält; doch es g.nüge nicht, daß die Geistlichen nur negativ wirken, sie sollten vielmehr als berufene Lehrer und Erzieher des Volkes die Gesinnungen der Menschenliebe so in die Herzen hineinlegen, daß solche Auswüchse wie die antisemitische Bewegung unmöglich werden. In praktischer Hinsicht empfahl er, daß die Wohlhabenden sich der verwaisten Kinder annehmen möchten. Das Bewußtsein möge uns wieder kommen, daß Söhne eines Vaters, Kinder eines Gottes alle sind, die Menschenantlitz tragen. Daß die Antisemiten den tiefen moralischen Eindruck dieser Kundgebungen von christlicher Seite nicht unterschätzen, beweisen ihre Malicen und Wutausbrüche. Der ehemalige „Antisemiten- Moniteur", der in nur etwas veränderter Form das Geschäft der Judenhitzerei fortfetzt, wagt es, dem christlichen Geistlichen, der den moralischen Mut hatte, seinen Abscheu vor den als „Pflichttreue Beamte" bezeichneien Raubmördern offen kund zu geben, vorzuwerfen, er habe damit Wahrheit, Menschheit und Gott verlästeit. Wahrscheinlich meint die „Staatsbürger Zeitung" die Bruhnsche „Wahrheit", von der sie selbst so durchdrungen ist, daß sie sich das in ihrem Munde urkomische Zeugnis ausstellt: „Wir wiffen uns frei von jedem Antisemitismus, soweit man unter ihm eine Bewegung versteht, die auf Haß gegen Andersgläubige oder gegen eine andere Raffe ausgebaut ist." Wenn dies „Wahrheit" ist, dann hat vielleicht auch der Redakteur der „Hochwacht" Hübbe, der Verbreiter des Karlshorster „Ritualmord- Märchens" nur deshalb die Stettiner Protestverfammlung besucht, um seine Vorurteilslosigkeit zu bekunden, nicht etwa, um nachher sich als ein von den Juden mißhandelter Märtyrer auszuspielen. Den Leuten geht sämtlich das christliche Mitgefühl mit den Opfern der ruffischen Antisemiten sehr gegen den Strich! Die „Deutsch-Sozialen Blätter" der Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg und Wilhelm Schack rasen förmlich vor Wut darüber, daß der „Hilfsverein der deutschen Juden" und andere Sammel-Organifalionen im Deutschen Reiche Millionen nach Rußland hinüberfenden werden. Sie schreiben: „Wie wenig diese Judenbande unser Mitleid verdient, mögen unsere Leser aus nachstehenden Zeilen erkennen. Es ging uns nämlich soeben folgendes Schreiben zu: „Von einer hiesigen Dame ist mir der beiliegende Auszug eines Schreibens ihres in Rußland lebenden Brude.s zur Verfügung gestellt worden. Die Dame wundert sich sehr darüber, wie unter solchen Umständen bei uns noch für diese rnffischen Jude,;