Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 637 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316739--14493-2335993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau. 637 Wenn man uns Solidarität vorwirft, so ist es schlimm, daß sie nicht schon du ch eine Solidarität aller Menschen überflüssig gemacht wurde. Will man uns nebst anderen Rechten auch noch das Rechtauf Mitleid streitig machen?" — Dies wird und kann man nicht tun! In einem ebenso tiefempfundenen wie geistsprühenden Artikel „Das europäische Gewissen" hat in der Wiener „Ncuen Freien Preffe" Max Nordau zu schildern versucht, wie er vergeblich dem Vorhandensein eines solchen Gewiffens nachgespürt habe. Der Diplomat, an den er sich wandte, fand es ganr in der Ordnung, daß die Großmächte von China blutige Rechenschaft forderten, weil dort einige Ausländer ermordet wurden. Daß aber in Rußland 25 000 Juden abgeschlachtet werden und weit mehr noch gefoltert und elend wurden, gehe Europa garnichts an, das sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines unabhängigen Staates einmischen dürfe. Keinen befferen Trost will Nordau bet den Großbanken erhalten haben, deren Vertreter es billigten, daß Europa gegen säumige Schuldner in Griechenland und Venezuela mobil machte, die aber für die Juden in Rußland nichts weiter übrig hatten, als einen Beitrag zur Geldsammlung. Auch der Versuch Nordaus, das Ehrgefühl der sogenannten guten Gesellschaft gegen die Gemeinschaft mit jenen russischen Würdenträgern wachzurufen, die das Blutbad angerichtet haben, scheiterte nach seiner Darstellung kläglich. Aehnlich erging es ihm auch noch anderwärts, so daß er seinen Bericht mit den Worten schloß: „Ich hielt wir die Ohren zu um kein Wort mehr zu hören, und lief davon. Ich laufe noch!" Wir laufen nicht; wir stehen ungebeugt im Geiste an dem Massengrabe der ruffischen Märtyrer, denn wir wissen, daß aus solchen Gräbern neues Leben spriißt, daß wenn bisher die Juden in Rußland nur als geduldete Fremdlinge betrachtet wurden, sie sich nun ein heiliges Anrecht an der russischen Erde erkauft haben, in der ihre gemordeten Brüder eine letzte Ruhestätte fanden. — Glaubwürdig verlautet, daß der russische Minister, Herr Witte, beschlossen hat, die Grenzen des jüdischen Anfiedelungsrayons aufzuheben. Den Juden soll freies Wohnrecht in ganz Rußland mit Ausnahme der beiden Residenzen gewährt werden. Wichtiger fast noch ist die am Schluß des Semstwo-Kongrcsses einstimmig angenommene Resolution, in welcher Maßnahmen verlangt werden zur Verhinderung der Wiederkehr der Judenhetzen, durch die nach Veröffentlichung des Manifestes vom 30. Oktober gegen 60 von Juden bewohnte Orte heimgesucht, und die teilweise von den Verwaltrmgs-