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Im deutschen Reich · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. 636

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1905-12-01
Page
636 (sequence 5)
Language
German
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686 .Im deuLschm Reich. geworden, andererseits, unter den in Südrußland Verwundeten seien zahlreiche „verkleidete Polizisten" erkannt worden. Daß die Pyritzer Zeitschrift „Mittelstand", a.s Organ der beiden antisemitischen ReichstagsabgeordneLen Krösell und Böckler, xar nodile fratrum, für' „durchaus glaubhaft" hält, daß die Juden bei den Revolutionen in Rußland eine „verhängnisvolle Rolle gespielt haben", ist nicht verwunderlich. Krösells Organ meint: „Es ist scnach nur eine gerechte Strafe, wenn die von den Juden ausgebeutete Bevölkerung ihren Groll nunmehr gegen die Juden richtet. Und vor allem für unsere deutsche Presse liegt nicht der mindeste Anlaß vor, sich über diese „Judenhetze" zu empören. Tie Juden ernten auch in Rußland nur, was sie gesäet haben." Das werden auch die Herren Böckler und Krösell zweifellos ernten; ihre Drachensaat kann ihnen und ihrem Gelichter kein Heil bringen. Dem deutschen Volke hat der Antisemitismus schon Unsegen genug gebracht, und ihm führt gerade das traurige Ergebnis der antisemitischen Hetzereien in Rußland vor Augen, zu welchem Tiefstand der Kultur dieser Raffen- und Religionshaß schließlich führt und führen muß. Nrcht von den leitenden Staatsmännern, die sich von dem heillosen Respekt vor der bereits halbverkrachten russischen Despotie nicht losmachen können, die sich teilweise auch noch für die von dem getauften Juden Schlesinger-Stahl so schlau für eine Neubelebung der deutschen Reaktion benutzte Tradition der „Heiligen Allianz" begeistern, ist eine Heilung des antisemitischen Krebsschadens zu erhoffen. Diese Heilung muß die gesunde Natur des deutschen Volkes selbst bewirken, das auf einer 'viel höheren Kulturstufe steht als jene fanatischen Mordbrenner, die den Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit nicht zu begreifen vermögen. Scdon jetzt fühlen es die deutschen Massen: Die Trauer der russischen Juden ist nicht nur die Trauer der deutschen Juden; sie ist auch die Trauer der menschenfreundlichen Christen in allen Kulturstaaten der Welt. So tief hätte die Menschheit im 20. Jahrhundert nicht mehr sinken dürfen. An ihr Mitgefühl appellieren wir! In der am 19. November im Scphiensaale in Wien abgehaltenen Protestversammlung sagte der Oberrabbiner Dr. Güdemann: „Das Unglück der Juden, so schreiend es ist, wird die Diplomatie nicht in Bewegung setzen, und daß die Judenschaft selbst Rechenschaft fordern könnte für das vergossene Blut, dazu müßte die messianische Zeit gekommen sein, da nach MosenLhals Wort „Christ und Juden Menschen sein" würden.

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