Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Heinrich Rickert über Juden und Judentum
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 629 (sequence 4)
- Language
- German
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629 Heinrich MSerL über Juden und Judentum. Richter, Verwaltungsöfamte? Nein. Aber damit ^icht genug. Obwohl fie tatsächlich zurückgesetzt und von den wichtigen Aemtein ausgeschlossen werden, wacht sich jetzt eine Bewegung breit, die sich offen als Ziel setzt, sogar den schon in dem preußischen Edikt vom 11. März 1812 proklamierten Grundsatz zu beseitigen, daß die Juden „für Einländer und Staatsbürger zu achten feien." Die Antisemiten haben seit 1880 ihre Taktik geändert. Damals versuchte man, durch eine in ganz Deutschland gleichmäßig in Szene gesetzte Petüionsagitation Erfolge zu erzielen. Nachdem der Petitionsflurm von 1880 kläglich gescheitert war, fing man es anders an. Einzelne Bezirke wurden ausgesucht und auf diese die ganze Agitationskraft vereinigt. Man hatte es zunächst auf Posen, Oberschlesien und Heffen abgesehen. In den ersteren beiden preußischen Proviruen scheint die antisemitische Wühlerei noch kein nennenswertes Resultat erzielt zu haben. Anders in Hessen. Hier haben es die Judenhasser verstanden, die tatsächlich in großen Kreisen vorhandene Unzufriedenheit mit den jetzigen Zuständen in ihr Fahrwasser zu leiten. . . Haß, Eigennutz, Konkurrenzneid, Verfolgungssucht und ähnliche niedrige Leidenschaften können auch noch am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts die ledenklichsten Früchte hcrvorbringen, wenn ihnen gegenüber nicht durch eine starke öffentliche Meinung in deutlichster Weise die Staatsraifon geltend gemacht wird. Wo aber zeigt sich gegen die Antisemiten in Deutschland eine starke öffentliche Meinung? Wo sind diejenigen, welche kraft ihrer Stellung in erster Reihe berufen wären, gegen diese verfaffungs- und kultur widrige Hetze ein Veto einzulegen? In Preußen waren vor Einführung der Verfassung unter den Vorkämpfern für die Gleichberechtigung der Juden Männer der höchsten Aristokratie. Man vergleiche nur die Reden, mrt denen Prinz Biron von Kurland, Fürst zu Lynar, Grat v. Dyhrn, Graf v. Ziethen, Graf v. Redern, Graf Aork u. a. in der Herrenkurie des vereinigten Landtages von 1847 für unsere jüdischen Mitbürger eintraten, mit denen aus neuester Zeit! . . . „Judenknecht", „bezahlter Judenanwalt" — das sind die Ehrentitel, die man sich leicht erwerben kann, wenn man auch nur für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden einiritt . . Es ist eine bei den Antisemiten sehr beliebte Methode, gewisse verwerfliche Eigenschaften und Schlechtigkeiten, wie den Wucher oder die Geldgier oder die wilde Börsenspekulation mit dem Judentum zu identifizieren und so den Anschein zu erwecken, als ob der anständige Jude z. B. den jüdischen Wucherer, der die Notlage feines Nachbarn zu feinem Vorteil in unanständiger Weife ausbeutet, minder scharf verurteile, als der anständige Christ. Nur so kann man dazu kommen,