Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1905)
- Article
- Heinrich Rickert über Juden und Judentum
- Date
- 1905-12-01
- Page
- 628 (sequence 3)
- Language
- German
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628 Im deutschen Neich. Stöcker gegen einen großen Teil unserer (jüdischen) Mitbürger gehalst n hat. ist ein trauriges Stück in unserem parlamentarischen Leben." In einem seiner Aufsätze schrieb Rickert als Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus: „Seit fahren mühen sich die Antisemiten ab, dem deutschen Volke klar zu machen, daß „alle" Männer, welche uns als echte Vertreter deutschen Wesens, Charakters und Geistes gelten, scharfe Gegner des Judentums gewesen sind." Um diesen Beweis zu führen, wird alles durchgefiöbert, was seit Jahrhunderten geschrieben ist; und was sich nur irgend gegen die Juden brauchen läßt, wird in Katechismen, Flugblättern und Zeitungen als „goldene Lehre verwertet". So hatten auch die Antisemiten ein „Gutachten des berühmten Theodor Gottlieb v. Hippel (am bekanntesten als Verfasser des Aufrufs an mein Volk) über die bürgerliche Verbesserung der Juden" aufgestöbert. Das Gutachten datiert vom Jahre 1791 .... Beim Lesen dieses Arükels war wir von vornherein nicht zweifelhaft, daß das Gutachten seinem Geist und seiner Tonart nach nicht von dem Verfasser jems unvergeßlichen Aufrufs herrühren konnte. Zudem war der Verfasser jenes Aufrufs im Jahre 1791, als das erwähnte Gutachten geschrieben wurde, erst 16 Jahre alt. Ein Schul- und Universttätsfreund, Dr. Theodor Bach — Direktor des Falk-Realgymnasiums in Berlin — ein Enkel des wirklichen Verfassers des Aufrufs, hat meinen Zweifel sofort bestätigt .... Lebte er (Hippel) unter uns, er würde in den Reihen derjenigen nicht fehlen, welche die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden auch in der Praxis durchgeführt wissen wollen. Seine Denkschrift ist ein Mahnruf an uns alle, daß mit dem Antisemitismus bald ein Ende gemacht werden muß. Das wird geschehen, wenn alle, die dazu verpflichtet sind, ihre Schuldigkeit tun." In einem langen Aufsatze, welchen Rrckert in der „Nation" (Nr. 45 des Jahrgangs 1890) unter der Ueberschrift „Die Judenverfolgungen in Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts" veröffentlicht hat, heißt es u. a.: „Sechs und ein halbes Jahrhundert sind verflossen, seit Papst Jnnocenz IV. zunQSchutz der bedrängten und verfolgten Juden eine Bulle erließ. . . Körperlich gemißhandelt, gefoltert, verbrannt wird heute der Jude nicht mehr. Aber die Grundanschauung, die Art zu denken und zu fühlen, aus der jene vergeblich mit dem Kirchenbann belegten Akte verabscheuungswürdiger Roheit entsprangen — hat auch sie die lange Kulturarbeit überwunden? . . . Werden die Juden in Wirklichkeit zu allen Aemtern und Ehrenstellen zugelaffen? Sind sie in einer der Qualifikation entsprechenden Zahl Ojfiziere,