Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 11 (November 1905)
- Article
- Der Kartelltag eines wissenschaftlichen Verbandes
- Date
- 1905-11-01
- Page
- 586 (sequence 8)
- Language
- German
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586 Im deutschen Reich. entgehen. Staaiserhaltende Elemente dürften nach solchen Grundsätzen nicht handeln; denn die führten zur Anarchie. Die Ansicht eines anderen Redners, des Herrn I)r. Bauchs daß zur Judensrage bei Gründung des Kartells habe Stellung genommen werden müssen, jetzt sei es zu spat, die Grundlagen des Kartells dürften nicht plötzlich geändert werden — sei nicht recht verständlich. Das Kartell sei doch aus wissenschaftlichen Grundlagen gegründet worden, nicht aber aus der Grundlage oder im Aufträge der antisemitischen Partei und doch auch nicht als Verband christlicher junger Männer Zur Pflege religiösen Lebens. Herrn Dr. Hesse könne er nur sein Erstaunen darüber ausdrücken, daß er noch nie etwas von einer mosaischen Konfession gehört habe. Dazu habe man vor jedem deutschen Gerichtshof täglich Gelegenheit. Was die Abneigung gegen den jüdischen Charakter und gegen die Rasse anbetreffe, so scheine dieselbe so unüberwindlich nicht zu sein. Dafür sprächen die zahlreichen Mischehen und das Verhalten gegenüber den getauften Juden und deren Nachkommen. Oder ändert sich Rasse und Charakter sofort mit der Taufe, und wenn nicht, von welcher Generation ab darf man die Rasse als hinlänglich rein betrachten? Sollte man strenge Grundsätze aufstellen, so würde mancher von den Anwesenden die Probe kaum bestehen. Merkwürdig sei es auch, daß für die Raffenremheit nur gegen die jüdischen, nicht auch gegen die slavischen, romanischen und anderen Elemente gekämpft werde. Herrn Gaudin hier als Rufer im Streit gegen die Juden auftreten zu sehen, kämpfend für die Reinheit der deutschen Rasse, wirke sonderbar. Der Resugis fühle sich bereits als Urgermane. Von Herrn Gaudrn könne man sagen: „Er spottet seiner selbst und weiß nicht wie." Interessant und charakteristisch sei der Fall mit dem jüdischen Kommilitonen in Marburg. Er wäre ein schlagender Beweis, wenn es noch eines solchen bedürfte, dafür, daß allein die Konfession, die Vorweisung des Taufscheines das Maßgebende sein solle, und daß alle die Angriffe gegen die Juden nur vorgebracht würden, um diesen kulturunwürdigen Zustand zu bemänteln. Persönlichkeit und Charakter könnten vollkommen sein, der trefflichste Kommilitone sei nicht aufnahmefähig, wenn seine Konfession nicht vorschriftsmäßig sei. Einen schrofferen Standpunkt nähme keine der Zierden der antisemitischen Partei ein, gäbe es auch gar nicht. Und da wolle man noch leugnen, daß man den Verband in den Dienst der einseitigsten und ödesten Parteipolitik stellen wolle?