Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 11 (November 1905)
- Article
- Die 1. Hauptversammlung des "Verbandes der deutschen Juden"
- Date
- 1905-11-01
- Page
- 567 (sequence 8)
- Language
- German
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Die 1. Hauptversammlung des „Verbandes der Deutschen Juden". 567 einen Gottesdienst, der ihn besser, frömmer, Weiser macht. Wir haben nie behauptet, daß nur unsere Religion selig macht; wir wissen, daß die Edlen aller Bekenntnisse, die nach Wahrheit und Tugend streben, des jenseitigen Lebens teilhaftig werden. Wir aber sind und bleiben Juden, nicht nur weil die Konsequenz der Geburt und das Gefühl der Pietät uns zur Treue verpflichtet, weil wir das Verlassen der alten Fahne als eine Feigheit verurteilen, wir sind und bleiben Juden aus Ueberzeugung, denn unser Judentum lehrt das Höchste und Edelste, was ein Bekenntnis überhaupt lehren kann: den reinsten Gottesglauben und die lauterste Ethik. Der Talmud erzählt: Ein Mann hatte zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere. Die ältere entfernte feine schwarzen Haare, damit er alt, die jüngere seine grauen Haare, damit er jung aussähe; die Folge war, daß er ganz kahlköpfig wurde. So erging es auch dem Judentum. Die Affyriologie hat uns die grauen Haare, die moderne christliche Theologie die schwarzen Haare aus gerissen; nur der kahle Schädel blieb übrig. Da kam die Raffentheorie und sagt: auch der Schädel taugt nichts, die Raffe bekämpfen wir, nicht die Religion. Der Ausdruck unseres Gesichts, das Maß unserer Schädel, die Farbe unserer Haare, der Ursprung unseres Stammes, das Temperament unserer Seele, all' das soll beweisen, daß wir Inden einer niederen Rasse angehören und von der edlen germanischen Raffe zurückged:ängt werden müssen. Schon die Verwechslung des Judentums, welches eine Weltanschauung in sich schließt, mit der Judenheit, von deren Raffenangehörigkeit überhaupt nur gesprochen werden könnte, hat einen gehässigen Beigeschmack: man gönnt uns nicht das Bewußtsein einer idealen Zugehörigkeit. Aus der Maffenliteratur ragt besonders das Werk von Chamberlain „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" hervor, welches die zu den Semiten gehörenden Juden als eine Bastardraffe hinstellt. Wir Juden müssen uns doch selbst am besten kennen und wissen, daß seine Schilderung von Judentum und Judenheit eine Entstellung und Erdichtung ist. Der dritteRedner, Herr Justizrat Breslauer, behandelte das Thema: „Die staatliche Lage der Juden in Deutschland". Nachdem er kurz die staatsrechtliche Stellung der Juden, die bekanntlich durch die Artikel 4 und 12 der preußischen Verfassung vom 31. Januar 1850 und für ganz Deutschland durch das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869 festgestellt ist, erörtert, die Kämpfe, welche zum Erlaß des Gesetzes von 1869 speziell in Preußen geführt worden sind, skizziert und die Gesetzes-Bestimmungen einschränkenden Reskripte und Verfügungen der verschiedenen Minister beleuchtet hatte, wies er