Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 11 (November 1905)
- Article
- Die 1. Hauptversammlung des "Verbandes der deutschen Juden"
- Date
- 1905-11-01
- Page
- 566 (sequence 7)
- Language
- German
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566 Jrn deutschen Reich. Prosa herabgedrückt. Wir verlangen nur eine tendenzlose Wissenschaft; wir geben Babel, was Babel ist, und der Bibel geben wir, was der Bibel ist. Aus Babel starrt uns, trotz seiner Kultur, der krasse Götzendienst an; aus der Bibel weht göttliche Weisheit, reine Heiligkeit entgegen: dort waltet Menschengeist, hier 'Gottesdienst; dort herrscht Menschenkunst, hier die Sinaihöhe. — Noch mehr Verwirrung nach Innen und nach Außen haben Schriften hervorragender liberaler christlicher Theologen angerichtet, welche Nachweisen wollen, daß das Judentum dem modernen Bewußtsein nicht genügen könne. Der Wunsch ist der Vater des Gedankens: statt voraussetzungslos Zu forschen, nehmen sie das Resultat vorweg und bemühen sich dann, nach diesem alles zu konstruieren. Sie wollen Historiker sein und sind Ankläger. Daß daß Judentum Gottesglauben und Menschenliebe lehrt, können sie nicht bestreiten; aber, so sagt Harnack, „Sand und Schutt war über die reine Quelle gehäuft, das Wasser war verunreinigt, und daß nachträglich Rabbiner und Theologen dieses Wasser destillierten, ändert, selbst wenn dies ihnen gelänge, nichts an der Sache." Sind wirklich die reinen Quellen verunreinigt? Die Meister unserer Tradition, Männer wie Hillel und Akrba, den Afai und Simla'i, sind klassische Zeugen für das Gegenteil. Ist es nicht ein Widersinn, rein ethische Lehren einer Religion mit allen im Talmud niedergelegten Ansichten vergleichen zu wollen und dann zu sagen: „Seht, Was der Talmud noch lehrt?" Der Talmud enthält neben vielen anderem auch Ethik, aber nicht nur Ethik, und der hohe ethische Geist, der den Talmud erfüllt, war der Lehrmeister des Stifters der christlichen Religion. Aber, so wird weiter behauptet, das Judentum verkünde nur Nächstenliebe, nicht Feindesliebe, und durch diese Lehre habe die Tochterreligion einen Sieg über die Mutterreligion errungen. Das Judentum lehrt, an dem Feinde keine Vergeltung zu üben, aber es kennt die Natur des Menschen, es betrachtet die Wahrheit als den Jnsiegel Gottes und gebietet daher nicht das, was nicht erfüllt werden kann. Gleich hinfällig sei die Anklage, welche die angebliche Minderwertigkeit des Judentums damit begründet, daß es nur die Religion der äußeren Gesetzlichkeit, das Christentum, die der Innerlichkeit sei, daß erst letzteres mit einem tiefen Schnitt die Verbindung der Ethik mit den technisch-religiösen Uebungen gelöst haben soll. Die Thorah, ein Wort, das „Lehre" und nicht „Gesetz" heißt, fordert, daß wir den Gottesglauben und die Nächstenliebe nicht nur innerlich empfinden, sondern auch durch Taten bekunden sollen. Der wahrhaft religiöse Jude erblickt in der Erfüllung der Vorschriften nicht eine „technisch-religiöse Uebung", sondern