Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-10-01
- Page
- 529 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 529 bringen. Die Bernauer Rede, welche die Veranlassung zu dieser Klage gegeben hatte, war für meine Verhältnisse ungemein zahm und milde; da habe ich in Berlin ganz andere Reden gehalten, meine Herren." Die Richtigkeit dieser Behauptung läßt sich kaum bestreiten; übrigens hat am 4. Oktober Graf PückLer dafür einen neuen Beweis Zu schaffen versucht, indem er in Berlin in dem Saal von Buggenhagen vor etwa 2000 Personen über seinen Prozeß und „die letzte Gerichtsverhandlung in Glogau" sprach. Wie er einleitend bekannt machte, will er jetzt „den letzten Kamps gegen das Berliner Judentum aufnehmen." Nachdem er die bekannten Vorgänge seiner Verhaftung und des Prozesses geschildert hatte, beklagte er, daß alle seine Opfer für das deutsche Volk beinahe nutzlos erschienen, denn noch immer sei kein Judein Berlin verhauen worden. Zur Lösung der Judensrage machte er dann Vorschläge, die so drastisch waren, daß der überwachende -Polizeiteutnant zur Auflösung der Versammlung schritt. Der Graf geriet hierüber in große Wut. Erregt schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief den Beamten zu, er verbitte sich diese fortwährenden Auflösungen. Durch die Auflösung seien wieder 60,000 Sozialdemokraten mehr geschaffen worden; des auslösenden Beamten deutschnationale Gesinnung müsse er stark bezweifeln. Die versammelte Menge blieb zunächst im Saal, brachte dem Grasen stürmische Ovationen und sang „Deutschland über alles". Etwa 20 Schutzleute, die plötzlich aus einem Nebenzimmer kamen, räumten aber darauf den Saal gewaltsam. Graf Pückler war über die Auflösung so erregt, daß er bemerkte, er werde deswegen Berlin event. ganz seinem Schicksal überlaffen. In dem „Börsen-Courier", dem wir diesen Bericht entnehmen, wird hinzugefügt: „Armes, schwergeprüftes Berlin!" Als zwei tapfere „Arier" sich dem strafenden Arme der Gerechtigkeit entzogen, Gras Pückler sich nach der Schweiz flüchtete, Otto Böckler nach Wien auskniff, letzterer ohne zu ahnen, daß man ihn steckbrieflich verfolgen würde, da fand die „Staatsbürger-Zeitung" dies ganz in der Ordnung, denn für die „Falstaffs" ist eben Vorsicht die Mutter der Weisheit. Als aber Senna Hoy alias Johannes Holzmann kürzlich in Zürich verhaftet wurde, schrieb der Antisemiten- Moniteur: „Dieser Held, der zuerst in Berlin in der frechsten Weise Gott und die Welt angepöbelt hat, kniff bekanntlich — nach Art seiner Landsleute — tapfer aus, als er endlich vor Gericht Rede stehen sollte". Offenbar hat aber Senna Hoy das „tapfere Auskneifen" weit eher von dem journalistischen Mitarbeiter des Herrn Wilhelm