Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Dr. F. Pinkus, Studien zur Wirtschaftsstellung der Juden [Rezension]
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 502 (sequence 2)
- Language
- German
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502 Im deutschen Reich. Ländern vertauscht hatten. Auch unter den Anfängen des Christentums haben die Juden kaum Beschränkungen ihrer Rechtsfähigkeit zu erleiden. Solche treten vielmehr erst ein zur Zeit der beginnenden Völkerwanderung, des Untergangs des römischen' Weltreichs; zu einer ununterbrochenen Erscheinung werden sie dann nach dem völligen Wechsel der Völker in Italien wie im übrigen Europa. Hier also beginnt die abnorme Lage, und die Feststellung ihres Beginnes bietet einen Hinweis aus ihr Wesen. „Neue Völker, neue Staaten, neue Verfassungen, neues Recht, neue Wirtschaftsformen waren auf den Schauplatz der Geschichte getreten. Nur ein Volk hatte alle Stürme überdauert, düster, traurig aber ungebeugt, fest an alten Formen haltend, aus einer verschwundenen Welt stammend: die Juden." Sie, die aus dem Altertum hinübergetreten waren in eine neue Zeit, brachten alle Formen mit hinüber in die neu einsetzenden Wirtschaftssysteme: den Geist kapitalistischen Wirtschaftswesens in das Naturalsystem der entstandenen Staaten. Das war das Erbe, das sie sich aus dem Zusammenbruch ihres ^Staates bewahrt hatten, das ihnen, inmitten der wirtschaftlich noch tiefftehenden Völker, die Erwerbung stattlichen Reichtumes ermöglichte, das ihnen zeigte, wie sie die Abgaben, mit denen sie bald armen Fürsten aufhelfen mußten, wieder ersetzen konnten. Es ist interessant zu erfahren, welche — für damalige Zeiten — unglaublich hohen Summen von den Juden verlangt und erlegt wurden; einige Beispiele seien wiedergegeben. „Aaron von Lincoln, ein englischer Finanzier (1125—1186) war Gläubiger des Königs Heinrich IV., dem er 100 000 Lftrlg. geborgt hatte." — „Anfang des 12. Jahrhunderts bezahlte die Judengememde von London allein 35 000 Mk." — Aus diesen Tatsachen gilt es, den Schluß zu ziehen: den kapitalistischen Geist haben die Juden aus dem Altertum als einzig überlebendes Volk ins europäische Mittelalter genommen (vielleicht auch trifft Sombarts Vermutung zu, daß auch das Kapital selbst ihnen erhalten blieb), in eine Zeit, die Geldwirtschrft nicht kannte, aber ihrer bedurfte. Und aus dem gleichen Gegensatz wird sich bei Betrachtung der weiteren Wirtschaftsstellung die Behandlung der Juden erklären müffen: solange man die Juden und ihr Geld nötig hat, gibt man ihnen Freiheiten; wenn man sie entbehren zu können glaubt, wenn man selbst ihre Funktionen erfüllen kann, stößt man sie zurück. So war in den ersten Zeiten des Mittelalters ihre Rechtsstellung keine schlechte. Es war ihnen das Recht erteilt, Zinsen zu nehmen, so daß sie Geldhandel betreiben konnten, der dann ihr Monopol wurde; man mußte sie also schützen, da ihre Abgaben eine