Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Berlin
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 486 (sequence 4)
- Language
- German
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486 Im deutschen Reich. rufen: „Wo ist der Jude? heraus mit dem Juden." Es waren ungefähr zwanzig Anführer, welche die Kinder dazu antrieben. Die Gendarmerie hatte keine Macht, die Tumultanten von der Straße zu entfernen. Die Sache wurde immer schlimmer, -schließlich schossen die Jungen aus ihren Gewehren; ob dieselben mit Patronen geladen waren, weiß ich nicht, jedenfalls knallten die Schüsse. Gegen 1 Uhr war der Auflauf soweit vorbei, aber von der Kompagnie wurden zwei Jungen vor mein Geschäftslokal postiert. Meine Geschäftsräume habe ich schließen müssen, um eventuell nicht verhauen zu werden, und damit meine Gemälde nicht zerstört würden. Durch meine Aufforderung an den Gendarmen wurden schließlich die sogenannten Rädelsführer um ihren Namen ersucht; ob dieselben ihren Namen richtig angegeben haben, weiß ich nicht. Mein Logiswirt kam Nachmittags zu mir und ersuchte mich, sofort meine Wohnung zu verlassen. Um mich vor weiteren Unannehmlichkeiten zu schützen, habe ich meine Sachen sofort einpacken lassen und bin am andern Morgen von Borkum fortgegangen." — Unseres Erachtens hätte Herr Sander besser getan, sich nicht nach Borkum zu begeben, um Geschäfte mit Leuten zu machen, deren Gehässigkeit gegen seine Glaubensgenossen ihm nicht unbekannt sein konnte. Wenn auch die „Staatsbürger- Zeitung" das Jnseratengeld von Baer Sohn und anderen jüdischen Firmen nicht verschmäht, sollten Juden doch mehr auf sich halten und nicht bei Antisemiten Borkumer Observanz Gewinn suchen. Trotzdem hat das „Berliner Tageblatt" nicht Unrecht, wenn es bei diesem Anlaß die Frage aufwirft, ob für Borkum keine Gesetze existieren und wo bei solchen Vorfällen der Ortsvorsteher in Borkum bezw. der Drost in Aurich bleiben. Die „Breslauer Morgenzeitung" fragt, ob die Insel Borkum ein Ausnahmegesetz für die Behandlung jüdischer Mitbürger besitzt, verweist aber auch auf die wunderbare Weise, in der die Antisemiten ihre Kinder in den Ferien erziehen. Warum Graf Pückler die Borkumer jugendliche „Schwarzweiß-Kompagnie" noch nicht zur Teilnahme an seinem nächsten Herbstmanöver auf den Stoppeln von Klein-Tschirne eingeladen hat, ist nicht bekannt geworden. Ein nettes Stückchen Ostmarkenpolitik wird dem „Berliner Tageblatt" aus Schroda unter dem 29. August mitgeteilt: „Zu der heute stattfindenden Beerdigung des hiesigen Bezirksadjutanten, Leutnants Riedel, waren sämtliche Offiziere und die Kapelle des Füsilier-Regiments v. Steinmetz Nr. 37 aus Krotoschin hier eingetroffen. Sämtliche Offiziere begaben sich zum Mttagsmahl in das hiesige polnische Hotel Hüttner, während man die Musikanten in das Hotel „Deutsches Haus", welches diesen Namen