Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 482 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316736--14194-2335595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
482 Im deutschen Reich. kaniichen Juden ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß die Bemühungen der im Interesse der russischen Glaubensgenossen bei dem Minister von Witte vorstellig gewordenen Finanzmänner nahezu erfolglos geblieben sind, sondern auch darauf, daß der große Dienst, den der Präsident Roosevclt bei den Friedensunterhandlungen der russischen Regierung geleistet hat, diese nicht veranlaßt, auf die ihr bezüglich der nach Rußland reisenden amerikanischen Juden wiederholt vorgetragenen Wünsche des Kabinets von Washington die geringste Rücksicht zu nehmen. Die bezüglichen Wünsche des amerikanischen Botschafters sind lediglich mit einem Hinweis auf das in Aussicht stehende neue Paßgesetz beantwortet worden, dessen für die Juden geltenden näheren Bestimmungen erst im nächsten Jahre in Kraft treten sollen. Eine Besserung der Lage der russischen Juden erachten die Amerikaner aber unter den jetzigen Verhältnissen nicht mehr für möglich durch ein liberales Judengesetz, sondern nur durch ein allen Teilen des russischen Volkes gewährtes verfassungsmäßiges freiheitliches Regiment, zu dem sich die russischen Machthaber nur dann entschließen werden, wenn sie keine Mittel erhalten, die jetzige Wirtschaft fortzusetzen. Die Anwesenheit des Vertreters Rockesellers und der amerikanischen National City Bank in Portsmouth und ihre Verhandlungen mit Witte beweisen noch keineswegs, daß die amerikanische Finanzwelt geneigt ist, ohne weiteres Rußland hilsteich mit Millionen unter die Arme zu greisen. Ebenso wenig ist dies mit Sicherheit von den europäischen Börsen zu erwarten, an die noä> im Mai erhebliche Posten von russischen Schatzscheinen abgesetzt worden sind, auch nicht von den deutschen Börsen, die bei dem unerwarteten Friedenssckluß ein lebhaftes Geschäft mit russischen Werten gemacht, aber vielfach den Spekulationsgewinn rasch realisiert haben. Wenn auch in Berlin offiziös die vor einem russischen Staatsbankrott warnende Schrift des Regierungsrats Martin als eine reine Privatleistung bezeichnet und von den Regierungskreisen dafür jede Verantwortung abgelehnt wurde, die Tatsache läßt sich nicht aus der Welt schaffen, daß es der durch ungeheure Kriegslasten, Mißwirtschaft, Plünderungen, Mißhandlungen und Austreibung zahlloser williger Steuerzahler ausgesogenen Bevölkerung des Zarenreiches, die die Mittel zur vollständigen Reorganisation von Heer und Flotte unmöglich durch Steuern aufbringen kann, auf die Dauer kaum möglich fein wird, zu den bereits l1/* Milliarden betragenden Zinsen der russischen Anleihen noch andere Zinsen einer neuen großen »russischen Fciedensanleihe" aufzubringen. Der Zarismus hat mit seinen Judenverfolgungen die Hühner geschlachtet, die goldene Eier legen; die deutschen Juden aber haben sicher keinen Grund