Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 481 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 481 Das jüdische Volk sollte endlich aushören, sich auf eine Regierung zu verlaßen, deren Existenzgrundlage Unwissenheit, Tyrannei und das daraus folgende Elend ihres Volkes ist. Gesuche blieben zwecklos, Gaben erwiesen sich unwirksam und die Schmeichelei hat die Tyrannei nur gekräftigt. Jüdische Finanzmänner guten Rufes können ihren Abscheu vor der russischen Regierung, ihr Mißtrauen gegen ihre Versprechungen, ihre Hoffnung auf ein verfassungsmäßiges Regiment — die einzige gegenwärtig mögliche Erlösung der Juden — nur dadurch zeigen, daß sie es ablehnen, mit dieser Regierung unter irgendwelchen Bedingungen zu verhandeln, wenn nicht das Volk tri der Regierung mitsprechen darf, was mit deren Abdankung gleichbedeutend wäre. Die Erfahrungen des Baron Hirsch brauchen nicht nochmals gemacht Zu werden. Die Büreaukratie mit ihren bisherigen Bedingungen eines „ehrenvollen Friedens" bedeutet nur Rückschritt und Fortsetzung des alten Systems in der Behandlung der jüdischen Frage. Das ist aber das System, welches jene alten Wunden bluten läßt, von denen manche irrtümlich annahmen, daß sie durch die französische Revolution vollständig geheilt seien. Die Vernichtung dieses Systems ist die einzige Bürgschaft einer Besserung in Rußland. Mag sich Rußland Geldmittel schaffen, wenn es dies vermag, aber Juden sollten mit dem neuzeitigen Pharao überhaupt nicht verhandeln. Die russische Anleihe mag erfolgreich sein, ohne daß sich Juden an ihr beteiligen; aber die NichtbeLeiligung ist für die Juden Ehrensache." Während man daran noch vielfach zweifelt, scheint in Kisch inew eine neue Judenhetze im Gange zu sein, bei der Militär und Polizei die Verfolger unterstützen. Als vor wenigen Tagen eine ermordete arme Jüdin, Lina Perltmann, beerdigt wurde, drangen Polizeileute und Dragoner mit blanker Waffe auf die Juden und christlichen Arbeiter ein, tue der Toten das Geleit gaben. Der Leichnam wurde mitten auf die Straße geworfen, dann aber von der Menge fortgeschafft. Zahlreiche Personen erlitten durch Stoß- und Säbelhiebe, sowie Schußwaffen Verwundungen. Den Zeitungsberichterstattern wurde von der Polizei der Zutritt verwehrt. Polizeibeamte schafften die Verwundeten ins Krankenhaus; dem Publikum wurde nicht gestattet sie zu geleiten. Das jüdische Krankenhaus wurde von Truppen umzingelt. Fünfzig Personnt wurden verhaftet. Die Menge zerstreute sich in größter Elle. Am Polizeigebäude und am israelitischen Hospital standen die Angehörigen und Freunde der Verhafteten und der Verwundeten, um das Schicksal derselben zu erfahren. Der Umschwung der Stimmung in den Kreisen der amen-