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Im deutschen Reich · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. 476

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1905-09-01
Page
476 (sequence 7)
Language
German
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476 Im deutschen Reich. veranlassen, welche eine Linderung der Fleischnot herbciführen? Aber freilich, die Antisemiten scheinen jetzt andere, wichtigere Dinge Zu tun Zu haben: sie müssen sich einen neuen Häuptling suchen. Oder aber find Sie der Meinung, daß eine fleischnot nicht existiere? Haben Sie nicht versprochen, jederzeit für den Mittelstand einzutreten? Heißt es aber das Interesse des Mittelstandes vertreten, wenn man ruhig zusieht, wie ein ganzes, einst blühendes Gewerbe, das Fleischergewerbe, das doch zum Mittelstand gehört, seinem sicheren Ruin entgegengeht; heißt es, das Interesse des Mittelstandes vertreten, wenn man zugibt, daß den schon ohnehin schwer um ihre Existenz ringenden Handwerkern und Kleinkausleuten ein wichtiges Nahrungsmittel ungebührlich verteuert wird, und doppelt empfinden diese es: dadurch, daß auch die Kaufkraft ihrer Hauptkunden, der Arbeiter, durch die Fleischteuerung erheblich eingeschränkt wird. Warum kommen Sie nicht Zu Ihren Wählern? Halten Sie es nicht mehr für nötig, auf die Stimmung des Volkes Rücksicht zu nehmen; oder haben Sie Furcht? Wir Wähler werden uns Ihr Verhalten merken, und wenn Sie im nächsten Wahlkampfe wieder mit Ihren frommen Bibelsprüchen und Ihren Phrasen von Mittelstandsretterei kommen, dann wollen wir Ihnen eine Antwort erteilen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen soll." Den Fleischkonsumenten im sächsischen Wahlkreise Bautzen- Kamenz würde aber kaum geholfen werden, wenn sich wirklich der Abg. Grafe herbeiließe, seine Weinberge zu verlassen, um sich mit seinen Wählern über die Fleischnot auseinanderzusehen. Er würde sich voraussichtlich mit der antisemitischen Redensart begnügen, daß in Oesterreich dieselbe Fleischnot wie in Deutschland vorhanden sei, eine Oeffnung der Grenzen nur die deutsche Viehzucht schädigen, die Preise aber nicht herabdrücken würde, die nur auf das Treiben ,,der jüdischen Vieh- und Fleischwucherer" zurückzuführen sei. Die so schwer in ihrem Gewerbe geschädigten Fleischer wissen das freilich besser; sie erlebten bessere Zeiten, als die antisemitischen Mittelstandsretter es noch nicht dahin gebracht hatten, daß die Gutsbesitzer ihre Gehöfte den jüdischen Viehhändlern verschlossen und ihr Vieh noch nicht den Fleischern ohne Vermittelung zu Preisen verkauften, bei dem der Fleischverbrauch sich beständig verringern muß. Auch bei dieser Kalamität möchte man wieder den berechtigten Unmut der Massen auf „die Juden" ablenken, aber glücklicherweise wissen die am schwersten Betroffenen recht gut, wo sie die Ursache ihrer Not zu suchen haben! Das Geschäft der „Mittelstandsretterei" muß aber einstweilen doch noch einträglich sein, da es sogar Anlaß zu Zänkereien innerhalb

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