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Im deutschen Reich · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. 472

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1905-09-01
Page
472 (sequence 3)
Language
German
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472 Im deutschen Reich. des Antisemitismus wurde. Die Mißstimmung gegen die Juden war ausgedehnt und tief. Wenn einzelne „anstandshalber" gezaudert hatten, zu bekennen, so hat Professor Treitschke ihnen die Zunge gelöst. Hat Stöcker den Antisemitismus in den Volksversammlungen populär, so hat ihn Treitschke den Gebildeten mundgerecht gemacht. Durch ihn ist der Antisemitismus salonfähig geworden." Besonders bemerkenswert ist aber, was in dem „Gegcnwart"- Artikel über den Anteil der Presse an der Zunahme der antisemitischen Strömung behauptet wird, weil der Verfasser Triftiges gegen die böswillige Fiktion von der sogenannten „Judenpresse" vorbringt. Darüber wird gesagt: „Sie hat mit am meisten zum Antisemitismus der Gebildeten beigetragen. Im angeblichen Besitz der Presse, schienen die Juden die Herren der „sechsten Großmacht", der öffentlichen Meinung. Was ist das eigentliche Wesen der Judenpresse? Man weiß, daß man den beneideten Konkurrenten als Juden brandmarken darf, wenn in seinen Adern ein Tröpfchen jüdischen Blutes fließt. Und wenn man außerdem noch weiß, daß weder der jüdische Verleger, noch der von ihm beauftragte Redakteur für jüdische Interessen einen Finger zu rühren pflegen, so hat man das Wesen des Judenblattes in feinem Kern erfaßt. Während man aber über alle jüdischen Verhältnisse mit zarter Rücksichtnahme den schützenden Mantel des Stillschweigens hüllt (was manche Leute auch geringschätzige Verachtung nennen), läßt man christlichen Bekenntnissen gegenüber manchmal diese schöne Vorsicht außer Acht und treibt dadurch öfters einen in kirchlichem Sinne freien Christen aus die antisemitische Seite." Wer die Phantasterei von der angeblichen Beherrschung der Presse durch die Juden aufgebracht hat um gegen diese Bevölkerungsminderheit aufzureizen, wer diese Erfindung dazu beständig weiter verwertet, ist dem Verfasier des „Gegenwart"- Artikels nicht unbekannt. „Die ersten ganz artigen Schmähartikel über das Judentum brachte die „Germania", die in der deutschen Zentrumspresse damals den ersten Rang einnahm. Der Bischof Martin von Paderborn verfaßte eine Anklageschrift gegen den Talmud. Die Katholiken also, die sonst Wohl am lautesten für Toleranz einzutreten pflegen, sind die ersten gewesen, die in judenfeindlichem Sinne auftraten. Warum? ganz einfach deshalb, weil einige Redakteure jüdischer Herkunft an politischen Blättern angesteüt waren, die jene Politik guthießen und verteidigten, für die Professor Virchow in Berlin den pomphaften Titel „Kulturkampf" prägte".

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