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Im deutschen Reich · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. 471

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1905-09-01
Page
471 (sequence 2)
Language
German
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Umschau. 471 beherzigt werden. Ausgehend von der Wahrnehmung, daß von jeher, „wenn die wirtschaftlichen Zustände die Unzufriedenheit der Massen erweckt haben, diesen ein möglichst billiges Beschwichtigung^ Medikament in Gestalt einiger Judenleichen verabreicht wurde", drückt er als seine Ueberzeugung aus: „Im finsteren Mittelalter, wo ein wütender Janhagel, von den Griffen und Kniffen gewissenloser Demagogen bis zum Wahnsinn gekitzelt, einfach Lynchjustiz voüstreckte, starben die Juden als Opfer der neu auskommenden Klasse der Handwerkerzünfte, der damaligen Antisemiten. In der aufgeklärten Neuzeit büßten die Nachkommen Sems für die Engherzigkeit des wirtschaftspolitrschen Liberalismus." Er erwähnt aber dabei mit keiner Silbe, daß es in Osteuropa die herrschenden Klassen find, die nicht nur einige Judenleichen, sondern wahre Hekatomben von jüdischen Mitbürgern dem durch die traurigen Folgen ihrer Mißwirtschaft rasend gemachten Pöbel opfern; er verschweigt, daß es nicht nur im Mittelalter in Deutschland gewissenlose Demagogen gegeben hat, die mit ihren Griffen und Kniffen den Janhagel bis zum Wahnsinn gekitzelt haben, sondern daß auch in der Neuzeit ein gräflicher Demagoge beständig den Janhagel zur Vollstreckung einfacher „Lynchjustiz zu kitzeln" bestrebt ist und durch seinen von ihm selbst bestrittenen angeblichen Wahnsinn Gesetze und Behörden ungestraft verhöhnen darf. Der Verfasser bezeichnet wohl die mittelalterlichen Handwerkerzünfte als gefährliche Antisemiten, unterläßt es aber hinzusetzen, daß in unserer Zeit die durch ihre falschen Freunde für die Wiedereinführung des Zunftzwangs gewonnenen Handwerker durch ihre mühsam erworbenen Spargroschen nicht ihre Berufsintereffen fördern, sondern nur die antisemitische Bewegung in Fluß erhalten. Aber er führt doch auch bei der Schilderung der neuzeitlichen judenfeindlichen Bewegung manches richtig aus und sagt z. B.: „In diesem Jahre noch wird Herr Christian Adolf Stöcker, der ehemalige Hosprediger, das biblische Alter erreichen. In die Sabbatdekade eintretend, wird der fromme Mann in stillen Stunden der Einkehr wohl so manchen Schritt seines vielbewegten Lebens zu bereuen haben. Damals, als er nach Berlin berufen wurde, schien dem Kurzsichtigen die Emanzipation der Juden eine Gefahr für die Wohlfahrt des Reiches. Der oberflächliche Betrachter konnte wähnen, Presse, Parlament und Börse sei ihre Domäne. Und so ist es zu begreifen, daß der mitten ins Getriebe der Millionenstadt berschte Metzer Mililä Pastor ein heftiger Befehder der Juden, ein Agitator

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