Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Der Kampf um die akademische Freiheit
- Date
- 1905-09-01
- Page
- 460 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316736-2335508--14164-2335573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
460 Im deutschen Reich. Vergangenheit häufig zur Kränkung und Schädigung der jüdischen Verbindungen im K. C. mißbraucht worden ift, so wäre damit schon eine recht bedenkliche Annäherung an die trostlosen und empörenden Zustände an den österreichischen Universitäten erzielt, auf denen bekanntlich die „deutsch-nationale" schönerianische Majorität die jüdische Minorität aufs schnödeste vergewaltigt hat, indem sie die allgemeine Satisfaktionsunfähigkeitserklärung gegen alle Juden erließ. Daß derartige Gefahren im Hintergründe schlummern, beweist die Tatsache, daß die Vereine Deutscher Studenten anfangs die Hauptrolle in der Bewegung spielten und als deren eigentliche Urheber anzusehen sind, wenngleich sie später aus opportunistischen Gründen sich in Die zweite Linie zurückzogen und andern die Führerschaft überließen. Die Vereine Deutscher Studenten haben aber seiner Zeit, im Jahre 1896, jene nichtswürdige, feige Tat der österreichischen „deutschnationalen" Studentenschaft mit frenetischem Jubel begrüßt und unverhohlen zu erkennen gegeben, daß die Herbeiführung desselben Zustands im deutschen Reiche ihr Ideal wäre. Höchst verdächtig war auch jene ursprüngliche Absicht, die Verrufserklärung als Kampfmittel zu verwenden; denn sie konnte nur Sinn haben, wenn man den Hintergedanken hegte, sie nicht nur gegen die katholischen Korporationen, die ohnehin von selbst die Satisfaktion verwerfen, sondern auch gegen die jüdischen zu verwenden. Tatsächlich ist auch in Bonn von den Kämpfern für die „akademische Freiheit" die doppelte Waffe des Ausschusses vom Ausschüsse und des Waffenverrufs gegen die jüdische Verbindung Rheno-Silesia angewandt worden. Für die Verbindungen und Vereine jüdischer Studenten war also ihre Stellungnahme zu der Bewegung gegeben; sie dursten nicht Mithelfen, eine Waffe zu schmieden, die später leicht auch gegen sie selbst gebraucht werden könnte. Aber abgesehen von diesem sehrdringlichen egoistischen Interesse, war es für die jüdischen Korporationen selbstverständlich, daß sie nicht auf die Seite widerrechtlicher Unterdrückung treten durften, da sie es doch sind, die unter Unrecht solcher Art stets in erster Linie zu leiden haben. Ihre Stellungnahme entsprach auch dem ersten Grundsätze des Rechtsempfindens: Was du nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andern zu! Der Bund jüdischer Korporationen hat daher auch auf seinem jüngsten Kartelltage eine sehr verständige Resolution gefaßt, in der betont wurde, daß die ihm angehörenden Vereine jüdischer Studenten nicht als konfessionelle zu betrachten seien, daß er aber in dem sogenannten Kampfe um die akademische Freiheit nur einen Versuch erblicke, eines der wichtigsten Rechte der Studentenschaft, die