Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Aug um Auge, Zahn um Zahn
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 389 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316734-2335193--14019-2335302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eingesandt. 389 sehen, daß Mitleid mit dem Verbrecher dahin führen könnte, ihn der Strafe zu entziehen und demgegenüber wird gefordert, daß man über dieses Mitleid Herr werden soll, um das Böse auszutilgen. Diese Aufsafsung bekämpft das neue Testament, indem es feinen Jüngern zuruft, daß sie dem Uebel nicht widerstreben sollen. Das neue Testament steht also auf dem Standpunkt des Edelanarchismus, es ist im wesentlichen aus die Errettung der Einzelseelen*) bedacht und verwirft die Pflicht des Staatsbürgers. Wer in dem Neuen Testament hier einen Fortschritt gegenüber der Auffassung des Alten Testaments sehen will, muß unbedingt verlangen, daß der Staat den Verbrecher nicht bestraft, sondern ungestört herumlaufen läßt, andernfalls hat er die Austastung des Neuen Testaments nicht begriffen. In derselben Richtung liegen andere Aussprüche der Evangelien wie z. B. der Ausspruch „Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet", und das Wort „Wer sich frei fühlt von Schuld, hebe den ersten Stein." In dem allgemeinen Bewußtsein des jetzigen Lesers, der eben von Jugend aus dazu angeleitet wird, in dieser Weise zu lesen, haben diese Stellen lediglich eine moralische Bedeutung, sie sollen anscheinend nur abhalten, sich bester zu dünken, als andere. Dies ist indeffen eine falsche Auslegung. Das Werfen des Steines war nicht eine symbolische Handlung, sondern bedeutete die Vollziehung der Todesstrafe: berücksichtigt man das, so ist cs klar, daß der Ausspruch Christi, welcher gegen das Werfen des Steins gerichtet ist, genau so wie die oben angegebene Stelle Ev. Matth. 5, 38, ein *) Vergl. Friedrich Curtius in seiner Schrift über Heinrich'Gelzer (Mitteilungen des Vereins Z. A. d. A. 1892 S. 307): „Das -Neue Testament enthält die ewig gültigen Grundzüge des sittlichen Lebens für den Einzelnen, die Familie und die kirchliche Gemeinschaft. Aber es gibt schlechterdings keine nationale Ethik. Daher die ganz entgegengesetzten Resultate, zu denen aufrichtige Christen kommen konnten, wenn sie eine politische Tagesfrage nach dem Canon des Evangeliums beurteilen wollten. . . Das neue Testament hat seine notwendige Ergänzung in dem Alten Testament. Hier ist vor allem der gemeinsame Grundgedanke des Staatsrechts und der Politik, die Persönlichkeit des Volks, mit einer genialen Sicherheit und Klarheit vorgetragen, wie sonst nur in den Schriften der römischen Juristen." . . Aehnlich Prof. Baumgarten, Kiel in einem am 11. Oktober 1904 in Hamburg gehaltenen Vortrag: „Das Neue Testament, das im wesentlichen auf die Errettung der Einzelseele bestimmt ist, kann keinen Ersatz bieten für die Familien- und Volkspraiplfmnn mpTrfip in -Tn mitrtSorfirrvov SRötfo aoini- **