Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Aug um Auge, Zahn um Zahn
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 390 (sequence 3)
- Language
- German
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390 Im deutschen Reich. Unterlassen jeglicher Bestrafung fordert. Für die Geistesrichtung, die sich in dieser Auffassung kund gibt, haben wir durch Leo Tolstoi und andere Edelanarchisten Verständnis. Aber augenscheinlich sind das Lehren, deren Befolgung jedes Staatswesen auflösen würde. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß gerade Staatsmänner, wie z. B. Cromwell, und überhaupt im praktischen Leben stehende Männer dem Alten Testament besondere Wertschätzung zuteil werden ließen. Wie mehr und mehr nachgewiesen wird, befinden sich die Morallehren des Neuen Testaments auch im Alten Testament. Sogar dem Schläger die Wange zu reichen, ist im Alten Testament als eine lobenswerte Handlung an zwei Stellen erwähnt.*) Nirgends ist indessen die Morallehre in Gegensatz zur Bürgerpflicht gebracht. Aus diese Weise muß ja wohl Harnack's Ausspruch zutreffen, daß dasjenige, was im Reuen Testament steht, auch im Alten stehe, daß in diesem aber noch manches andere stehe. Mit Recht mag indessen behauptet werden, daß vieles von dem nützlich ist, was außerdem im Alten Testament steht. Zu diesen nützlichen Vorschriften dürfte man wohl auch die Vorschrift rechnen, dem Bösen zu wehren. Kenner der Strafrechtstbeorien werden aus der Stelle V. M. ersehen, daß bei Festsetzung der Strafe die sogenannte Abschreckungstheorie maßgebend war. („Und die Uebrigen werden hören und sich fürchten und nicht mehr tun wie diese böse Sache in deiner Mitte"). Die moderne Strafrechtslehre ist über diese Lehre hinausgegangen. Sie steht dieser Theorie aber darin nahe, daß sie die Straftat als ein soziales Ergebnis und Ereignis betrachtet, während, wie bemerkt, umgekehrt die christliche Auffassung nur um die Einzelseele sich kümmert und den Menschen nicht als Ergebnis des Milieus ansieht und ansehen kann. Hier liegt nun das Mißverständnis, unter welchem die Evangelienlehre als ein Fortschritt aufgefaßt wird. Aus dem Vordersatz: „Aug um Auge rc. entspricht nicht mehr unseren heutigen Anschauungen" und dem Nachsatz: „das Neue Testament wendet sich gegen die Lehre Aug um Auge", wird der Schluß instinktiv gezogen, daß die Lehre des Neuen Testaments mit den heutigen Anschauungen übereinftimme. Dies ist indessen, wie nachgewiesen, nicht *) Klagelieder 3, 30: Gütig ist der Ewige . . . dem Manne . . . der feinem Schläger bietet die Wange, sich sättigt mit Schmach. Jesaia 50, 6: Meinen Rücken bot ich den Schlägern und meine Wange den Raufenden, mein Angesicht barg ich nicht vor Schmähung und Sveien.