Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1905-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1905) · p. 334

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1905)
Article
Antisemitismus
Date
1905-06-01
Page
334 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316727-2316734-2335162--13908-2335247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

334 Zm deutschen Reich. Im Auslände kann man Dutzenden von jungen Leuten, Söhnen hochachtbarer und patriotischer jüdischer Familien, begegnen, welche ihrem Militärdienst mit dem pHnlichften Eifer genügten, aber in kränkender Weise ihrer Religion wegen zurückgesetzt wurden und daher mit berechtigter Bitterkeit aus der Heimat schieden. Die Juden beinahe der ganzen Welt sind in Sprache, Bildungsgang und Denkweise Deutsche; sie denken und suhlen in unserer Muttersprache, und doch können viele von ihnen nur mit Bitterkeit an die Heimat denken und von ihr sprechen. Sie sind hinausgezogen in He tvdte Welt, haben in harter Arbeit große Vermögen erworben, und es ist natürlich, daß viele von ihnen mit dem Erworbenen nur Zu gerne in das Land zurückkehren möchten, in dem ihre Wiege gestanden hat und in dem sie die ersten Worte der Muttersprache gelallt haben. Traurige und tränkende Erinnerungen aber stehen b-:i nur zu vielen zwischen ihnen und der Heimat, oft durch die verflossenen Jahre mehr verschärft als gemildert, und die Mehrzahl der deutschen Juden nimmt dann in der Fremde ihren dauernden Aufenthalt, mit verbissenem Groll und uneingestandener Sehnsucht an die wirkliche Heimat denkend, welche sie ungerecht und lieblos von sich gestoßen hat. Welche ungeheure Schädigung unserer nationalen Machtstellung, ganz besonders unseres Nationalvermögens dann liegt, daß so viele der ausgewanderten deutschen Juden, anstatt in die Heimat zurückzukehren, sich dauernd im Auslande r.iederlassen und dort uns entfremden. Hierbei soll allerdings nicht übersehen werden, daß bei vielen Juden eine bedauernswerte Aktion eine ebenso verdammungswerte und übertriebene Reaktion herbeigesüh-t hat, welche in vielen Fällen unberechtigt ist und weit über das Ziel schießt. Je eher unsere Machthaber, unsere Gesetzgeber, ja das ganze Volk einsehm lernen, daß der Mangel an vollkommener Gleichberechtigung der Juden eine ungeheure Schädigung aller unserer nationalen Interessen, die Beseitigung aller ungerecht kränkenden Ungleichheiten aber einen bedeutenden Zuwachs unserer Machtstellung in jeder Hinsicht bedeutet, desto besser für die künftige Wohlfahrt des ganzen deutschen Volkes. Zur Begründung und Erstarkung dieses Gedankens, zur versöhnenden Ausgleichung der bestehenden Gegensätze bet311 tragen, sollte sich jeder wahre deutsche Patriot nach Maßgabe seiner Kräfte zur Aufgabe machen. Unsere hiesige Kolonie ist zwar an Zahl klein, aber sie schließt die besten und aufgeklärtesten Elemente unseres Volks in sich. Wenn wir öffentlich Bemerkungen niedriger hängen, wie sie sichrer antisemitische Abgeordnete Böckler hinsichtlich des Kaisertcppichs geleistet hat, so ist es wohl möglich, daß unsere Stimme im Weltall

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.