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Im deutschen Reich · 1905-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1905) · p. 333

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
11 (1905)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1905)
Article
Antisemitismus
Date
1905-06-01
Page
333 (sequence 3)
Language
German
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Antisemitismus. 333 anderen minder begabten Rassen ist, daß es daher in allen Ländern der Welt in mehr oder weniger latenter Form bestehe, ein Faktum, welches die Existenzberechtigung des Antisemitismus zur Genüge beweise. In Offiziers- und Beamtenkreisen wird uns in anderer Form ungefähr dasselbe entgegnet, nämlich, daß es fich auch dort um einen Jntereffenkampf handle, und die dort zu hörenden Ausführungen laufen daraus hinaus, daß die Erziehung der Kreise, aus denen sich bei uns im allgemeinen Offiziere und Beamte rekrutieren, eine solche ist, daß ihre Angehörigen fich eben nur ausschließlich den erwähnten beiden Ständen zu widmen im stände sind: Dem Juden das Monopol im Bankwesen und im Handel mit allen seinen Char cen; uns überlaffe man die mühselige und kärglich bezahlte Laufbahn des Offiziers und Beamten. Das ist so ziemlich die Quinteffenz der Losung, welche uns aus den alten Beamten- und Osfizierkreisen entgegenschallt I Es ist nicht zu leugnen, daß aus dem Munde so manches Hauptes alter Familien, welche seit Jahrhunderten beinahe ausschließlich im Dienste des Vaterlandes Gut und Blut eingesetzt und verloren haben, die Entgegnung immerhin ihren Anspruch auf Gehör hat. Damit kommen wir zu dem springenden Punkte der ganzen Frage. Rcngs um uns her schreitet die Welt mit beängstigenden Riesenschritten vorwärts. Rings um uns her fliegen Sonderrechte und Vorurteile aller Art wie veralteter, morscher und nutzloser Plunder in die Versenkung! Sollen und wollen wir, das Volk der Denker, inmitten all des neuen keimenden Lebens allein und in rückwärts schauende Träume verloren, weiter starr in der Vergangenheit wurzeln und uns von der ganzen Welt überflügeln laffen? Nur vollständige und wirkliche Gleichberechtigung, nur ein entschlossenes Lossagen von allen schädlichen und ungerechten Vorurteilen kann heute das deutsche Volk davor retten, dereinst trauernd auf den Trümmern seiner einstigen geistigen nnd politischen Größe zu sitzen. Wenn ihre Erziehung die Söhne unserer alten Familien daran hindert, in allen Fächern unseres sozialen und wirtschaftlichen Lebens den Wettbewerb mit ihren Mitbürgern aufzunehmen, so muß eben diese Erziehung geändert werden. Aber der Anspruch auf ein Monopol, und sei es auf noch so ehrwürdige Traditionen gestützt, hat in unserem Zeitalter keine Existenzberechtigung mehr, am allerwenigsten, wenn dasselbe aufrecht erhalten werden soll durch Ausschließung einer ganzen Klaffe von achtbaren Mitbürgern, welche in unserem letzten großen Kriege in Reih und Glied mit ihren andersgläubigen Mitgliedern ihr Leben in die Schanze geschlagen hat für den idealen Gedanken eines Vaterlandes.

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