Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Antisemitismus
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 332 (sequence 2)
- Language
- German
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332 Im deutschen Reich. lose und tatkräftige Unterstützung der Kirchenbazar auch nicht annähernd den Erfolg gehabt hätte, wie es tatsächlich der Fall war. Welche hochherzige Lehre liegt nicht in diesem Vorgänge gegenüber jenem häßlichen sozialen Auswuchs, den man Antisemitismus nennt, und der sich leider in der Heimat noch immer breit zu machen versteht. Man traut seinen Augen kaum, wenn man in den Zeitungen liest, daß erst kürzlich im Reichsrage ein antisemitischer Redner keinen Anstand nahm, sich darüber zu beklagen, daß gelegentlich der Einweihung des Berliner Doms in der Kwserloge ein Teppich gelegen habe, welcher von einer jüdischen Firma geliefert worden war. Für uns, welche wir mit unseren jüdischen Mitbürgern in herzlicher Freundschaft und Jdeengemeinschast zu leben gewohnt sind, sind solche Vorgänge einfach unfaßbar! Wir könnten uns ja mit dem Gedanken trösten, daß die Vertreter des Anlisemitismus — im Reichstage wenigstens — nur eine verschwindend kleine Zahl von Querköpsen bilden, die bei den Debatten von keiner Seite ernst genommen werden. Die bloße Existenz jedoch des Antisemitismus, wenn auch in noch so kleinen Kreisen, muß von vorurteilsfreien Patrioten als eine Schmach und als ein wirtschaftliches Unglück für das Vaterland, für das Land der Philosophen und vorurteilsfreien Denker, empfunden werden. Können wir es fortleugnen, daß in Deutschland der Jude, wenn auch vor den Gesetzen gleich, äs facto doch in einzelnen Fällen, wie in den der Besetzung der Offizier- und Beamtensteüen die ihm zustehende Gleichberechtigung nicht genießt? Im Großen und Ganzen sind wir ja nur allzu geneigt, die ganze Frage des Antisemitismus als eine unangenehme und etwas beschämende Sache totzuschweigen, über die man nicht gern spricht, da man doch nichts daran ändern kann, und von der man hofft, daß sie mit der Zeit von selbst aussterben wird. Trotzdem scheint es in einem vorurteilsfreien und denkenden deutschen Gemeinwesen mit so zahlreichen jüdischen Elementen wie das unselige, vollkommen angezeigt, der Frage ganz offen ins Auge zu sehen und sie ebenso offen zu besprechen. Roch niemals hat die offene Besprechung einer Angelegenheit von so öffentlichem Interesse Schaden verursacht. Die Verteidiger oder wenigstens theoretischen Erklärer des Antisemitismus werfen bekanntlich den Juden übertriebene Freizügigkeit und damit Unzuverläffigkeit im nationalen Sinne, sowie Unduldsamkeit und ablehnende Haltung ihren andersgläubigen Mitbürgern gegenüber vor. Ebenso wird erklärt, daß der Antisemitismus nur ein Jnteressenkampf zwischen einer begabteren Rasse und