Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Jüdische Aerzte einst und jetzt
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 326 (sequence 10)
- Language
- German
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326 Im deutschen Reich. sie die großen Städte bevorzugen , endlich, daß sie sich so häufig bemühen, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Die Tatsachen, die diesen Vorwürfen zugrunde liegen, sind wahr, dennoch sind die Vorwürfe ungerecht. Die traurigen Verhältnisse des Mittelalters haben die deutschen Juden zu Stadtbewohnern gemacht. Wenn sie jetzt nicht binnen kurzer Zeit trotz aller Bemühungen zahlreich zu Landarbeitern und Bauern gemacht werden können, so sollte das jedem nüchtern Denkenden ohne weiteres verständlich sein. Daß sie nicht noch mehr als bisher dem Handelsstande sich widmen, müßte doch von denen anerkannt werden, die über den Handelsgeist der Juden so gern eifern. Die Förderung des Handwerks unter den deutschen Juden erstreben mehrere große Vereine, doch bleibt, zumal bei dem bekannten Wissensdrange der Juden und bei ihrem edlen Bestreben, auch in ärmeren Kreisen den Kindern eine gute Ausbildung zu verschaffen, noch eine große Anzahl übrig, die naturgemäß nach Absolvierung der höheren Schulen dem Studium sich zuwenden. Da nun die Philologie einem Juden, abgesehen von einigen wmigen Lehrerstellen, kaum die Möglichkeit einer Anstellung gewährt, da die Jurisprudenz ihnen nur den Anwaltsberuf offen läßt, so sind es eben die augenblicklichen Verhältnisse, welche so viele zum Medizinstudium drängen und nicht der eigene Wille. Zuzugestehen ist ja allerdings, daß in Deutschland im Vergleich zu den Angehörigen anderer Bekenntnisse der Prozentsatz der Aerzte unter den Juden ein recht bedeutender ist. Genauere Berufszählungen neueren Datums gibt es nicht. Die letzten Zahlen sind der Berufsstatistik für das deutsche Reich vom 14. 6. 1895 zu entnehmen. Damals gab es in Deutschland 24 255 999 selbständige, erwerbstätige Personen, davon 244 586 Juden, also ea. 1 %, dagegen wurden unter Gesundheitspflege und Krankendienft bei 53 835 selbständigen, leitenden Personen 2973 Juden gezählt, also 5,5% und zwar von 28 195 männlichen Personen 2880, also ca. 10 %, dagegen von 25 640 weiblichen nur 93 d. s. 0,36%. Die Zahlen sind nur verständlich, wenn man weiß, daß zu dieser Rubrik auch alle Anstaltsbesitzer, Oberinnen, Hebeammen, selbstständige Masseure, Krankenpflegerinnen usw. gerechnet werden. Es folgt daraus, daß unter den männlichen Personen im wesentlichen es sich nur um Aerzte handelt, während bei den weiblichen der übrige Teil des selbständigen Heilpersonals ganz bedeutend überwiegt. In Preußen waren am genannten Tage 1,4 % der erwerbstätigen, selbstständigen männlichen Bevölkerung Juden, während 12,5 % der Aerzte, sich zu dieser Konfession rechneten, in Bayern 0.9 o/y der Bevölkerung und ca. 5 % der Aerzte, in Sachsen 0,25 % und ca. 2 %, in Württem-