Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Jüdische Aerzte einst und jetzt
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 321 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316734-2335160--13891-2335234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jüdische Aerzte einst und jetzt. 321 Natur die alleinige Anlage zur Arzneikunde. So wollte der wegen seiner Judenplünderungen und Verfolgungen bekannte König Franz I. von Frankreich keinen Christen, ja auch nicht einen getauften Juden an sein Krankenlager lassen. Im Anfänge des 14. Jahrhunderts beklagte man sich in Regensburg, daß fast alle christlichen Kranke sich von jüdischen Aerzten behandeln ließen. Selbst der Schriftsteller Liebe, dessen Karrikatur auf einGefchichtswerk eigentlich nur eine Sammlung von Pamphleten und Gehässigkeiten gegen die deutschen Juden ist, kann nicht umhin zuzugestehen, daß die Judenärzte durchaus das Vertrauen der Bevölkerung genoffen. Die Zahl der Päpste, Bischöfe und Fürsten des Morgen- und Abendlandes, die Juden als Leibärzte hatten, ist außerordentlich groß. Die Ommejaden wie die Abassiden, die Khalifen in Spanien, zahlreiche Könige in Frankreich und deutsche Kaiser, die Herren von Persien, die Sultane der Türkei, die katholischen Könige von Spanien und von Portugal, die Könige von Polen, auch so manche Herrscher aller Reußen haben ebenso wie zahlreiche z. T. sehr judenseindliche Päpste ihre Gesundheit gern jüdischen Aerzten anvertraut. Viele von diesen Aerzten genoffen so sehr das Vertrauen ihrer Klienten, daß ihnen hohe Staatsämter übertragen wurden. Wir kennen zahlreiche jüdische Leibärzte, die als Premierminister, als Finanzminister, als Gesandte tätig waren. Auch viele Bürgerschaften haben jüdische Aerzte als Stadtärzte angestellt. Heerführer schätzten sie als Militärärzte. Es könnte nach dieser Schilderung säst scheinen, als wären die jüdischen Aerzte von den vielfachen Verfolgungen, die der Gesamtheit der Juden das Mittelalter brachte, verschont geblieben. Doch dem ist nicht so. Wenn sie sich zeitweilig einer besseren Stellung erfreuten, als ihre Brüder, so geschah es unter dem Zwange der Not, wenn nur sie als tüchtige und ehrliche Helfer in Krankheit zur Verfügung standen. Sobald aber auch christlicke ausgebildete Aerzte in einiger Zahl vorhanden waren, wurden die jüdischen wieder zurückgedrängt und ihnen sogar die Quellen des Unterrichts verschlossen. Zahlreich waren die Beschlüsse der Konzile gegen die Inanspruchnahme der Judenärzte seitens der Christen. Auch weltliche Behörden erließen Edikte gegen die jüdischen Aerzte, so das Parlament zu Piacca aus Sicilien, welches 1293 bestimmte, daß ein christlicher Patient, der sich von einem jüdischen Ante behandeln lasse, für 3 Monate, der Arzt für 12 bei Wasser und Brot eingekerkert werden sollte. Ost allerdings nahmen trotzdem sich selbst die Regenten von Sicilien jüdische Leibärzte. Daß Brotneid und Mißgunst Antisemiten macht, zeigte sich im 14. Jahrhundert bereits in Spanien. Als die Mönche anfingen, sich für Medizin zu interessieren, hetzten,sie gegen die jüdischen Kon-