Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1905)
- Article
- Jüdische Aerzte einst und jetzt
- Date
- 1905-06-01
- Page
- 318 (sequence 2)
- Language
- German
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818 Im deutschen Reich. Aus einer ganzen Reihe von Stellen der biblischen Geschichte ergibt sich, daß es Aerzte schon in der ältesten Zeit, über die wir Nachrichten haben, unter den Juden gegeben hat: 2. Buch Mos. K. 21, Vers 19. 2. Buch Könige, K. 8 Vers 20. Jeremia, K. 8 Vers 22, 2. Chronik, K. 16 Vers 12, auch D.ief an die Kolosser K. 4 Vers 14. Es ergibt sich aus diesen und vielen anderen Stellen, daß es damals einen eigenen anerkannten Stand der Aerzte gab. Die gesamte Sanitätspolizei allerdings lag in den Händen der Priester. Wieweit diese ausgebildet war, ist bekannt. Sowohl die Gesundheitspflege der einzelnen Person als auch die Volkshygiene, das Verständnis für Infektion und für die Bedeutung der Reinlichkeit — das Grundprinzip aller modernen Hygiene — standen auf einerhohen Stufe. Gleichweit allerdings scheinen die Kenntnisse in der wissenschaftlichen Heilkunst nicht gewesen zu sein. Wenigstens läßt uns das vorliegende Material nicht zu der Ansicht kommen, daß die Aerzte auf der Höhe eines Hyppokrates standen, der ungefähr zu gleicher Zeit lebte, oder auch noch früher, als man die Niederschrift der Bibel annimmt. Weiter waren die Aerzte in der Therapie; sie kannten den Heilwert der Kräuter, stellten Salben zusammen, nahmen Räucherungen vor, benutzten Heilbäder. Auch über die Behandlung von Geisteskrankheiten erfahren wir gelegentlich etwas. Jeremia, K. 29 Vers 26: „Der Ewige hat Dich bestellt, damit Du auf jeden Verrückten und vom Prophetentaumel Ergriffenen wohl acht habest und solche in den Block und das Halseism legest." Eine derartige, heute uns grausam erscheinende Behandlungsweise darf uns nicht wundern; denn es sind noch nicht 50 Jahre her seit der Zeit, in der allgemein in dieser Weise Geisteskranke behandelt wurden. Die Heilmethoden, die bei den vielen Wunderheilungen besonders nach den Berichten des Neuen Testaments angewandt wurden, bestanden in Heilung durch einfache Berührung und durch Handauflegen, durch Gebet, durch das Verlangen unbedingten Glaubens an die Heilkraft, zuweilen auch durch Bäder, Anwendung von Speichel mit Staub usw. Wir sehen, Methoden, welche wir auch jetzt noch häufig wiederfinden. Professor Ebstein bemüht sich, diese Wunderheilungen zu erklären, und ist dabei ängstlich besorgt, trotz rationeller Erklärungsversuche das Wunder nicht zu leugnen, doch will er im Grunde alles auf Suggestion zurückjühren und Hilst sich, wo das nicht angeht, indem er sagt: eine dauernde Heilung wird nicht behauptet, oder es handle sich um eine sehr einfach verständliche Therapie, wie Bäder in dem Schwefelwasser des Jordan. Eine einfachere Erklärung sollte jedem Arzte für die meisten Wunderheilungen des Alten und Neuen Testaments geläufig sein.