Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-05-01
- Page
- 288 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316733--13800-2335101- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
388 Im deutschen Reich. Herren Offiziere unter sich find, und die Antwort lautet regelmäßig: „Na, selbstverständlich! Fehlt nur noch!« Die „Frankfurter Ztg.« meint: „Daß es nicht viele jüdische Unteroffiziere gibt, ist richtig; der wesentliche Grund ist, 'daß die von dem Offizierskorps nicht selten offen geäußerten Tendenzen es den jüdischen Soldaten nicht ratsam erscheinen lasten, die Unterosfizier- Carrisre einzuschlagen, bei der sie ja gegen Schikanierungen fast wehrlos sein würden und sich immer darauf gefaßt machen mußten, daß man — wenn mit ihnen auch wirklich ausnahmsweise zu Beginn kapituliert würde — sie doch nicht den Zivilversorgungsschein erreichen läßt. Und gelingt ihnen letzteres wirklich, so haben sie in zahlreichen Verwaltungszweigen mit ähnlichen Vorurteilen zu kämpfen und nur recht wenig Aussichten auf eine Anstellung im Zivildienst. Daß eine so ungewiffc und wenig aussichtsvolle Carriöre keinen Anreiz bieten kann, ist selbstverständlich; aber trotz dieser Schwierigkeiten wenden sich immer noch Juden ihr zu, scheuen also nicht die Strapazen des FelLsoldaten. Gäbe man überall die Bahn frei und entschlüge sich aller konfessionellen Engherzigkeit, so würde sich wohl sehr bald auch bei den unteren Militärchargen ein stärkerer Anteil der Juden nach Maßgabe ihrer Bevölkerungsverteilung zeigen, natürlich aber ebenso auch beim Osfizierkorps. Denn daß es ihnen an Passion und Qualifikation für den Militärdienst nicht fehlt, haben sie in allen Feldzügen bewiesen." — Unser Central-Verein hat sich wiederholt an das Kriegsministerium mit der Bitte gewandt, die Bedingungen der Aufnahmen in die Unteroffizierschulen derartig abzuändern, daß jüdische Knaben sich mit Erfolg um Aufnahme bewerben können. Trotz höflicher Bescheide des Kriegsminifteriums find die Aufnahmebedingungen unverändert geblieben. Wenn Schiller den Wakenstein sprechen läßt: „War sonst der Mann nur gut; ich pflegte nach dem Katechismus nicht zu fragen", so sind wir heut im Heerwesen offenbar weit konfessioneller gestimmt. Einerseits macht man den Juden zum Vorwurf, daß sie nicht Unteroffiziere werden wollen, andererseits denkt man nicht daran, die Hindernisse hinwegzuräumen, die ihnen dies unmöglich machen. Und das nennt man „Wahrheit und Wahrhaftigkeit«! Aehnlich verhält es sich mit den sogenannten Tierschutzbestrebungen, die daraus hinauslausen, Verbote der rituellen Schlack,tmethode herbeizuführen. Daß durch solche Verbote ein wirksamer Tierschutz erzielt wird, ist von so autoritativer Seite bestritten wordendaß der antisemitische religionsfeindliche s Hauptzweck der gegen das Schächten gerichteten Agitation offenkundig sein muß.