Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-05-01
- Page
- 284 (sequence 7)
- Language
- German
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284 Im deutschen Reich. seine Hoffnungen auf den Direktorposten einer Großbank an den Nagel hängen, um sich in verschwiegener Waldstadt als Sonderling niederzulassen, der über die Unzulänglichkeit des menschlichen Denkens tiefsinnige Betrachtungen anstellt."' Im weiteren Verlaufe dieser Ergüsse dekretiert die „Staatsbürger-Zeitung": „Als Vertreter der Regierung darf er nicht am Bundesratstische sitzen bleiben und heute Sätze formulieren, die das Gegenteil von dem darstellen, was er gestern gesprochen hat." Ob Gras Posadowsky sich nach dieser deutlichen Weisung der Staatsbürger-Zeitung richten wird, bleibt abzuwarten. Daß der Kaiser bei der Wahl seiner Ratgeber dem Geschmack des Herrn Wilhelm Bruhn sofort Rechnung tragen wird, ist aber kaum anzunehmen. Das glaubt die Redaktion des Antisemitenblattes selbst nicht; sie rechnet, wie ihr Gesinnungsgenoffe, Herr Adolf Bartels in Weimar, mit dem Einfluß der modernen Rafsentheorien auf die Jugend und meint, daß der „neue Herr" den neuen Wein einst nicht in alte Schläuche pressen werde. Die von so vielen Seiten für den Schiller-Gedenktag in begeisterter Stimmung getroffenen Vorbereitungen mögen ihr die Sentenz in Erinnerung gebracht haben: „Der kluge Mann baut vor!'" Bei der Schillerseier des „Mittelstandsbundes" (reets „Deutscher Antisemitenbund") forderte erst der „Staatsbürgerzeitungs-Redakteur" zum Kampfe gegen die „ihr Unwesen im deutschen Vaterlande treibenden Geister" auf, dann eiferte Herr Wilhelm Bruhn selbst gegen „gewiffenlose Hetzapostel". Nach dieser an unbewußte Selbstironie streifenden Bemerkung leitete ihn seine Begeiflerung für das „einige Volk von Brüdern", zu dem zu seinem Leidwesen auch eine halbe Million deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehört, zu einer Erinnerung an das »freudige Ereignis" des Geburtstages des deutschen Kronprinzen, dem jubelnde Glückwünsche gewidmet wurden. Dann kam wieder der Antisemitismus dadurch zum Vorschein, daß Oswald Zimmermann-Dresden in der eigentlichen Schillersestrede schlankweg behauptete, Spiegelberg, die bedenklichste Gestalt in den „Räubern", trage die Charakterzüge eines Juden. Bisher hat man freilich die von Schiller dem Spiegelberg in den Mund gelegten Worte als eine echt antisemitische Verhöhnung des Judentums aufgefaßt — indeffen, Zimmermann muß das ja besser wissen! „Im Auslegen ist er munter; legt er nicht aus, so legt er unter!" Wenn Schiller die Reden dieser Feier angehört hätte, er würde vielleicht das Wort »Spiezelberg, ich kenne Dich" dazwischen gerufen oder auch die Aeußerung Ferdinands „bester im Staube als um den Thron hernm kriechen", ärgerlich wiederholt haben.