Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1905-05-01
- Page
- 279 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316727-2316733--13791-2335092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 279 geschäftlichen und geistigen Einfluß der Semiten frei machen und reizt seine guten Freunde dazu auf, sich gegen diesen Einfluß aufzulehnen, indem er ihn maßlos übertreibt. Es kommt ihm dabei nicht darauf an, alle Blätter, deren Herausgeber Juden, deren Redakteure aber eifrige Protestanten sind, zu „Judenblättern" zu stempeln, ferner die Organe der Zentrumspartei, die nur aus Prinzip Angriffe aus religiöse Einrichtungen zurückwcisen, sowie sogar die sich der Führer Laster und Bamberger nur noch dunkel erinnernde nationalliberale Posse als judenfreundlich darzustellen, die freisinnigen und sozialdemokratischen Blätter aber als offene „Judenblätter" zu bezeichnen, ein Lob, das deren Redakteure gewiß bescheiden ablehnen werden. Wenn man seinen Ausführungen Glauben schenkt, dann ist das Theater völlig jüdisch, die Wissenschaft zwar etwas weniger, bis auf die Literaturwissenschaft, an die sich zu seinem Bedauern auch Juden erfolgreich heranwagen, statt ihm als dem „berechtigten Arier" dieses Feld allein zu überüffen. Daß unter den Nationalökonomen und Medizinern viele Juden stecken, macht ihm besondere Pein; wenn er von den jüdischen Advokaten sagt, „von ihnen reden wir lieber garnicht", so werden sie sich dadurch kaum verbtzt fühlen, da sie seiner ohne Not sicher nicht gedenken werden. Daß in dem seiner Meinung nach „verjudeten Berlin" die Geburtsziffer seit einiger Zeit zurückgegangen ist, bedauert er, vielleicht nur, weil dies bei den „Judenfressern" Nahrungssorgen erweckt; es soll aber nach seiner Behauptung schon Leute veranlassen, „Finis Germaniae!“ zu rufen. Was ihn noch tröstet, ist, daß sich die Jugend den neuen Lehrern der Rassenlheorien zuwendet und von den „Humanitäts-" und „Toleranzspiegelfechtereien" nichts mehr wissen will. Zu anderen Judenverfolgungen als zur Aushungerung und Entrechtung seiner jüdischen Bürger will er nicht gerade raten, weil er ohnehin der frohen Ueberzeugung lebt, „daß in den Zeiten nationaler Aufregung der persönliche Mut und die kräftige Faust doch ohne weiteres gegen ein zitterndes Häuflein in ihre Rechte treten werde" und daß nach Luthers Wort „Er ist gerichtet, ein Wörtlein kann ihn fällen", der Jude, der „in Wahl seiner Mittel skrupellos sei", der Bartelschen Anhängerschaft, deren „menschenfreundliche" Mittel zur Befreiung d<-r lieben Arier aus dem Gesagten hinreichend erkennbar sind, doch unterliegen muffe. Ein deutscher Dichter jüdischer Abstammung, Heinrich Heine, war es, der feine vaterländische Begeisterung in den Worten ausdrückte: „Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land." Weit entfernt war er also von den pessimistischen Empfindungen