Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 11 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Auerbach über Schiller
- Date
- 1905-05-01
- Page
- 254 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Im deutschen Reich. das neben der herrlichen, aber sehr bekannten Rede Jakob Grimms, neben den bedeutenden Reden Wischers und anderen manche enthält, die kaum der Erneuerung wert schien, keine der Auerbach-Reden über Schiller abgedruckt, ein recht bedauerliches Manko der sonst so wertvollen Publikation. Woher Auerbachs Verehrung und Sympathie sür Schiller, die in Schillers Dichtungen im Einzelnen wenig begründet erscheint, spricht er sich doch da und dort gelegentlich mit geringerer Verehrung über einzelne Dichtungen aus? Nun, vor allem beruht diese Verehrung auf Auerbachs hochentwickeltem deutschen Narionalgcfühl. Ihm war Schiller vor allem der deutsche Nationaldichter, der geistig jedem guten Deutschen etwas gegeben haben mußte. „Wenn es eine Chemie des deutschen Geistes geben könnte," so äußerte er sich einmal brieflich, „man würde bei einer exakten Analyse einen großen Bestandteil finden, der Schiller heißt." Auch als Vertreter eines allgemeinen Menschentums schätzte Auerbach Lesstng mit vielem Recht höher ein, als Schiller. „Kein zweiter Dichter vertritt so den Glauben an die Menschen", so schreibt er einmal, »wie Lessing, selbst Schiller in seinem Posa that das nicht in solcher Weise; der Schwärmer kann Umschlagen, und Posa ist zur Verzweiflung geneigt." Am meisten aber brachte ihm Schiller nahe, was Schiller gelitten; daß er Jahre lang das „Brod des Elends" gegessen, das machte offenbar zumeist Schiller zum Gegenstand der Verehrung für Berthold Auerbach. Und wenn er die Jugenddramen des Dichters, die aus dem Sturm und Drang des Dichters als Reaktion seiner Empörung gegen den ihm auserlegten Zwang entstanden sind, sieht oder liest, fühlt er sich dem Dichter besonders nahe. „Kabale und Liebe" nennt er die „schönste poetische Verklärung des Revoltierens gegen den Absolutismus", und eine Ausführung der »Räuber" veranlaßt ihn zu der Bemerkung: „Wenn man Schiller wieder sieht und wieder hört, bittet man ihn immer um Verzeihung für die Ungerechtigkeiten, die man gegen ihn hegt wegen seiner Uebernatur; es ist eine Größe in ihm, wie außer Shakespeare in keinem." Ganz besonders aber klingt dieser warme Ton sympathischen Mitgefühls für den darbenden Dichter in allem, was Berthold Auerbach bei den Schillerfesten im Jahre 1855 und 59 sprach, ein Mitgefühl, das ihn zum regsten Helfer am Werden der Schillerstiftung machte, für die er nicht nur durch Wort und Schrift eintrat, sondern auch in regster Weise sammelte. So bot ihm zum Beispiel die Teilnahme an einem Hochzeitsschmause einmal Gelegenheit, die